Hier verkehrt sich die Welt

- Das Tollwood-Festival gehört mittlerweile zu München wie das Oktoberfest mit einem kleinen, nein, großen Unterschied: vom riesigen musikalischen Angebot und vielfältigen Straßentheater-Programm bis zu bildender Kunst und Performances (vieles davon gratis): Tollwood präsentiert sich auch heuer wieder (bis 10. 7.) als Rundum-Event zwischen Gaumenfreuden, Entertainment und Kultur. Chefin Rita Rottenwallner hat diesmal auf eine Theater-Trilogie gesetzt. Der erste Teil machte soeben den Auftakt: "Giroflé´" des portugiesischen Künstlerkollektivs Circolando.

<P>Imposant das Bühnenbild: eine bis zur Zeltspitze aufragende Voliè`re. Aber das darin spielende Stück scheint zunächst nicht zu wissen, wohin es will. Da muss der Zuschauer schon ein bisschen Geduld aufbringen, bis die surreale Grundstimmung sich als Konzept durchgesetzt hat, bis das zwischen Puppen-, Tanztheater und Nouveau Cirque oszillierende Spiel seinen musikalisch-circensischen Sog entwickelt. Sechs Musikanten, mit ihren Instrumenten zu einem einzigen bizarr bauchigen Körper verwachsen, geben ein in Minimal-Schleifen klagendes Streichkonzert - vielleicht die melancholische Weise des Lebens. Und eine fortkreisende Dorfmusik, in die sich auch das Schnaufen und Keuchen von hartem Arbeiten mischt, bleibt durchgehende Klangkulisse für Circolandos sonderbares ländliches Leben. <BR><BR>Orangen wachsen an Menschenzweigen</P><P>Die Orangen reifen an Zweigen, die eigentlich Menschenfüße sind. Umgekehrt wachsen aus dem Boden knorrige Baumwurzeln, die verdorrten Menschlein ähneln und ein Zigarettchen schmauchen. Während die Wasser holenden Mägde das wichtige Nass auf umgedrehte Schüsseln statt hineinschütten, sind es hier die Knechte, die mit weitem Torso-Schwung die nasse Wäsche schlagen. Und der Ochsenkarren wird ihnen zur Schaukel, zur Rutschbahn zum Karussell. Hier verkehrt sich die Welt. Die Milchkanne tanzt aus der Voliè`re-Höhe herab wie die Trapezkünstlerin am breiten Tuchband. Der Bauer wird zum krähenden Hahn und hebt schließlich ab natürlich an Gurten gesichert als kreisend flatternder Vogel. Am Ende wird eine riesige Marionette von allen Spielern an vielen Seilen geschickt zu monumentalem, gelenkigem Leben erweckt. Circolando ist die andere Art, Zirkus zu machen: gegen die Virtuosität anzuspielen, ohne sie zu verleugnen. </P><P>Bis 25. 6., Beginn 21 Uhr, Theaterzelt/ Theater-Insel, Telefon 089/ 38 38 50 15.<BR><BR></P>

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