Hier werden Sie Ohren machen

München - Das Haus der Kunst würdigt das wichtige Münchner Musiklabel ECM mit einer liebevollen und lebendigen Schau.

Die Kunst des Hörens. In München kann man sie erleben, sich in ihr üben. Okwui Enwezor, der seit Oktober vergangenen Jahres das Haus der Kunst leitet, widmet sich in der ersten Schau, die er selbst als Kurator betreut, der Plattenfirma ECM. Die drei Buchstaben stehen für „Edition of Contemporary Music“ – und Manfred Eicher hat diesen Namen immer ernst genommen, seit er die Firma 1969 in München gründete. „Ich habe nie Lust gehabt, Musik aufzunehmen, die es schon gab“, sagte der Produzent, Jahrgang 1943, gestern bei der Pressekonferenz zur Ausstellung „ECM – Eine kulturelle Archäologie“. Und das ist keine Attitüde.

Es ist Enwezor und seinem Co-Kurator Markus Müller hoch anzurechnen, dass sie mit dieser Schau nicht gewartet haben, bis ECM – etwa wegen eines Jubiläums – sowieso in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Nein, in einer Zeit, in der Musik längst nurmehr ein Geschäftszweig globaler Unterhaltungskonzerne ist und der nächste Song nur einen Klick entfernt wartet, würdigt das Haus der Kunst eine Firma, die auf wundersame Art ihre Hörer zur Entschleunigung zwingt. Eine Firma, über die der Chef sagt: „Wenn ich eine Sache nicht mache, ist es Marketing. Oder wie das heißt.“ Eine Firma, die der Arbeit ihrer Musiker und Komponisten Respekt entgegenbringt – oder wie Eicher es ausdrückt: „Wir brauchen keine Verträge, wir brauchen spitze Ohren.“ ECM ist Heimat von Künstlern wie Keith Jarrett, Chick Corea, Jan Garbarek und Meredith Monk oder von den zeitgenössischen Komponisten Arvo Pärt, György Kurtág, Steve Reich und Heiner Goebbels. In den vergangenen 43 Jahren hat sich das Label von München aus seinen Weltruf erarbeitet – und agiert doch stets zurückhaltend wie sein Chef. „Sehr überrascht, stolz und vielleicht sogar gerührt“ sei er gewesen, als Enwezor ihm eine Ausstellung vorgeschlagen habe, verrät Eicher.

Natürlich ist diese Schau auch ein Wagnis. Denn wie soll man etwas derart Flüchtiges wie Musik ausstellen? Doch den Machern ist es gelungen, nicht nur die Unternehmensgeschichte – anhand von Fotos, Filmaufnahmen, Partituren und vielen, vielen Plattencovern – zu erzählen. Auch die Ideengeschichte und die Neugier auf neue Klänge, von der ECM bis heute getrieben ist, werden im Haus der Kunst erfahrbar – selbst für jene Menschen, die bislang keinen echten Zugang zu Jazz und zu zeitgenössischer Musik hatten.

Etwas Zeit sollte der Besucher allerdings mitbringen – und sich von der Ausstellung entschleunigen lassen: Warum nicht die Konzertfotos, die man gerade noch betrachtet hat, verlassen, um jenem wahnwitzigen Basslauf nachzuspüren, der gerade aus einem der Klangkabinette zu hören war? Diese kleinen Räume sind das pure Hörerglück: Bei gedimmtem Licht kann der Besucher bequem Platz nehmen und in ausgewählte Alben der ECM-Künstler versinken, etwa in Nils Petter Molværs großartige CD „Khmer“.

Herzstück der Schau und mächtige Demonstration der ECM-Seele ist jedoch die raumhohe Regalwand mit dem Tonbandarchiv der Firma: Wer sich die Zeit nimmt und die handschriftlichen Etiketten entziffert, liest das Who’s who der zeitgenössichen Musik, das hier Klangspuren hinterlassen hat.

Doch Manfred Eicher hat sich nie damit begnügt, Musik auf Tonträger zu pressen, sondern immer interdisziplinär gedacht: Am offensichtlichsten ist das bei den Covern – ECM-Alben sind im Laden immer sofort am reduzierten Artwork zu erkennen. Maßgeblich geprägt wurde dieses von Barbara Wojirsch. Der Faszination ihrer Kunst des Weglassens kann der Besucher an vielen Beispielen erliegen – oder sich an ihr reiben. Doch auch diese Art der Gestaltung gehört zur ECM-Philosophie: „Ich möchte lieber leise auf den Hörer zugehen – wie in der Musik auch“, sagt Manfred Eicher.

Da der Produzent, der dem Besucher gleich zu Beginn der Ausstellung in der Dokumentation „See the Music“ (1971) als Kontrabassist begegnet, auch Filmmusiken schuf (etwa für Jean-Luc Godards „Nouvelle Vague“, 1990), wird „ECM – Eine kulturelle Archäologie“ von einer Filmreihe im Münchner Werkstattkino begleitet, die Eicher kuratierte. Quasi Pflicht ist zudem ein entsprechendes Konzertangebot (Auswahl siehe Kasten), das die Künstler persönlich nach München bringt.

Bei aller berechtigten Begeisterung für diese Ausstellung darf nicht vergessen werden: Obwohl jetzt ein Museum ECM würdigt, ist dieses Label längst nicht museumsreif. Im Gegenteil: „Ich fühle mich noch sehr frisch“, sagte Eicher gestern. „Und zu allen Schandtaten bereit, um weiter Musik aufzunehmen.“

Und das ist ein Glück.

Michael Schleicher

Bis 10. Februar;

Mo.-So., 10-20 Uhr, Do. bis 22 Uhr;

Prinzregentenstraße 1. Katalog (Prestel): 49,95 Euro;

Telefon 089/ 21 127 113.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Fans dürften den Tag sehnsüchtig erwartet haben: Am Donnerstag kommt der neue Asterix-Band (Asterix in Italien) in den Handel. Wir haben schon darin geblättert - und …
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Ed Sheeran (26, „Galway Girl“) muss nach seinem Fahrradunfall etliche Auftritte absagen. „Ein Besuch bei meinem Arzt hat Brüche in meinem rechten Handgelenk und linken …
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Gefeuerte Darsteller, Krach ums Geld: Wirbel um Roland-Kaiser-Musical
Deutschlands Schlagerstar Roland Kaiser selbst distanziert sich von dem Musical, das über ihn im Deutschen Theater in München aufgeführt werden soll. Es gibt Krach - und …
Gefeuerte Darsteller, Krach ums Geld: Wirbel um Roland-Kaiser-Musical
„Ich liebe Happy Ends!“
Sie trifft den Puls ihrer Generation. Am Samstag kommt die Poetry-Slammerin Julia Engelmann in den Münchner Circus Krone, Restkarten gibt es mit etwas Glück an der …
„Ich liebe Happy Ends!“

Kommentare