Hier wird nicht gehustet

- Die Schwindsucht jedenfalls rafft Violetta Valery nicht dahin. In der guten Luft des Chiemgaus wird nicht gehustet. Hier verordnet Detlef Sölter, Regisseur von Verdis "La Traviata", die am Donnerstagabend das achte Internationale Opernfestival auf Gut Immling eröffnete, seiner Titelheldin ein anderes Leiden: Ihre Seele erkrankt.

<P>Wenn sie im dritten Akt auf dem Sterbebett liegt, dann wird die Pariser Halbweltdame zum kleinen Mädchen, das mit oft kindhafter Stimme alle Begegnungen - mit der Betreuerin Annina, mit dem Doktor, mit Vater Germont, ja sogar mit Alfred - nur noch halluziniert.<BR><BR>Luz del Alba Rubio, die junge Südamerikanerin, zerrt sich die platinblonde Pagenkopf-Perücke vom Kopf, löst das eigene brünette Haar und ist auf einmal ganz bei sich, bei Verdi und seinem so ergreifend schönen Bühnentod. Da leidet ein Mensch, eine von der Gesellschaft zerstörte junge, schöne Frau, der die Pariser in besseren Tagen scharenweise zu Füßen lagen. Weshalb, das kommt in der Immlinger Inszenierung leider nicht so ganz rüber.<BR><BR>Denn Luz del Alba Rubio tut sich schwer, Dumas' glitzernde Kurtisane glaubhaft zu machen, und der Regisseur leistet ihr keine Hilfe. Trotz sicherer Koloratur und blitzender Höhe überzeugt sie auch gesanglich stärker in den lyrisch-innigen Passagen. Im zweiten Bild fesseln Violetta im legeren weißen Leinenanzug und Giorgio Germont beim großen Duett das Publikum durch Musikalität und Ausdruck. </P><P>Dimitri Kharitonov stattet den Verzicht fordernden Vater mit angenehmem, dunkel grundiertem Bariton aus, der bei präziserer Artikulation noch mehr Kontur gewänne.</P><P>Sohn Alfred ist bei Niclas Oettermann (mit leider sich schnell verengendem Tenor) ein treu sorgender Liebhaber: Er kauft die Frühstücks-Croissants und deckt den Tisch. Im ersten Bild bringen die Einblendungen auf der Rückwand (Paris bei Nacht) und den rechts und links postierten Groß-"Monitoren" (Zitate aus der Kunst) zu viel stilistische Unruhe ins angepeilte Zwanzigerjahre-Milieu. Das zweite mit hübschem Wintergarten-Ambiente und das letzte mit den schlichten weißen, apart beleuchteten Tüchern (Bühne: Arndt Sellentin) atmen mehr Stimmung.</P><P>Münchner Symphoniker</P><P><BR>Den großen, kraftvoll intonierenden Immlinger Festivalchor arrangiert der Regisseur meist an den Flanken der breiten Reitstall-Bühne, die in eine praktikable, silbergrau-schwarze Treppenlandschaft verwandelt wurde. Die<BR>Federnde Dramatik der Damen präsentieren sich in schwarzer Abendgarderobe, mit einheitlichem Violetta-Bubikopf. Nur eine in Weiß wandelt sich am Schluss zum beflügelten Todesengel. Von den befrackten Herren schlüpfen im zweiten Akt einige in offenherzige Zigeunerinnen-Kostüme (Katharina Grantner) und mischen Floras Fest dekadent auf.<BR><BR>Die Idee, die traurige Geschichte der Kameliendame vom 19. Jahrhundert ins 20. zu zoomen und Violettas Tbc-Leiden durch eine andere, laut Programmheft "todbringende Krankheit" zu ersetzen, wird von Sölter und seinem Immlinger Ensemble plausibel umgesetzt. Da wirkt die italienische Originalsprache nicht als Hemmschwelle, sondern als der Musik adäquat.<BR><BR>Sie liegt bei Heiko Mathias Förster und den Münchner Symphonikern in den denkbar besten Händen. Der Dirigent verliert trotz seines temperamentvollen Einsatzes für Verdis Italianità` nie die Balance zur Bühne. Er deckt seine Sänger nie zu und reißt dennoch eine breite dynamische Palette auf. Gelegentliche Wackelkontakte mit dem Chor und einigen Solisten werden sich mit dem Premierenfieber verflüchtigen.<BR><BR>Försters Orchester reagiert präzise, und so entwickelt er mit den Musikern aus sensibler Streichertransparenz heraus federnde Dramatik und bleibt dem Drama auf der Spur. Kein Wunder, dass das Premierenpublikum, darunter auch Schirmherr Kunstminister Thomas Goppel, am Ende begeistert applaudierte.</P><P>Nächste Vorstellungen: 3., 8., 11. Juli, Karten: 0180/50 46 654<BR></P><P><BR> </P>

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