„Mich kann man nicht so schnell zur Ruhe bringen“: Auch mit 83 Jahren macht sich Dieter Hildebrandt von der Bühne herab Gedanken über Deutschland.

Hildebrandt: „Auch die Blödheit nimmt zu“

München - Er ist der Grandseigneur des politischen Kabaretts - Dieter Hildebrandt, Mitbegründer der Münchner „Lach- und Schießgesellschaft“ und später viele Jahre Frontmann des ARD-„Scheibenwischer“.

Seit sechzig Jahren lebt der gebürtige Niederschlesier an der Isar, heute nimmt der 83-Jährige, der noch immer auf der Bühne steht - aktuell mit seinem Solo „Ich kann doch auch nichts dafür“ - im Alten Rathaussaal aus den Händen von OB Christian Ude den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München entgegen.

Vor eineinhalb Wochen lief der erste „Satiregipfel“ mit Dieter Nuhr. Haben Sie ihn gesehen?

Nein. Ich habe selbst gespielt an diesem Abend. Aber was ich so höre und lese, soll das nicht gerade ein Blitzstart gewesen sein.

Das klingt ziemlich distanziert. Immerhin läuft der „Satiregipfel“ auf dem Sendeplatz, auf dem einst Ihr „Scheibenwischer“ lief.

Ja, aber das ist nicht mehr meine Sorge.

Bekümmert es Sie nicht, dass die ARD kein echtes Politkabarett mehr anbietet?

„Bekümmern“ trifft es nicht. Ich bin nicht überrascht, dass sie es nicht mehr tut. Vielleicht ist sie ja ganz froh darüber. Ich kann mich erinnern, dass in Zeiten des doch ziemlich zornigen Georg Schramm einige Verantwortungsträger im Lande, besonders natürlich in Bayern, das politische Kabarett in der ARD hin und wieder bedenklich fanden. Und das tun sie jetzt wohl nicht mehr.

Aber es gibt ja jetzt die „Anstalt“ im ZDF.

Ich gebe schamlos zu, dass ich ein Fan dieser Sendung bin. Ich habe ja auch die erste Ausgabe mit angeschoben - mit einem kleinen Satz von dreieinhalb Minuten Dauer. (Lacht.)

Was sagen Sie zu Frank-Markus Barwasser als neuem zweiten Mann?

Ich bin ein Anhänger seiner Art des Denkens, seiner Art des Widerstands. Für mich ist er der ideale Nachfolger Schramms.

Am Nachwuchs scheint es nicht zu mangeln...

Und das, obwohl das Kabarett ja immer wieder für tot erklärt wird - seit mehr als einhundert Jahren! Trotzdem wäre ich vorsichtig mit dem Begriff Nachwuchs. Dass ganz junge Leute schon ganz toll sind, das mag es beim Fußball geben. Das ist beim Kabarett anders, da muss man erst einmal eine Weile gelebt haben.

Sie können auf ein langes Berufsleben zurückblicken. Inwieweit hat sich die Politik, haben sich Politiker in dieser Zeit verändert?

Dieser Beruf hat sich von der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs weit entfernt. Das Wort kommt ja von „polis“, dem Gemeinwesen, und bezeichnet den oder die Menschen mit ganz unterschiedlichen Berufen, die aus der Gemeinde heraus dazu bestimmt wurden, für eine bestimmte Zeit für alle zu sprechen. Das ist längst vorbei, heute ist Politiker selbst ein Beruf, so wie Bäcker oder Rechtsanwalt. Wer von Beruf Politiker ist, kann nach einer Legislaturperiode nicht zurückgehen in seinen alten Job, weil er ja gar keinen hat. Das bedeutet, dass er bei allen seinen Entscheidungen nicht an die Zukunft des Gemeinwesens denkt, sondern nur an seine eigene. Das macht ihn anfällig für Korruption.

Das Wort des Jahres ist „Wutbürger“. Ist diese Wahl für Sie ein Indiz dafür, dass sich die Bürger wieder mehr politisch engagieren, weil sie den Politikern misstrauen?

MM-Redakteur Rudolf Ogiermann traf ihn in den Räumen der Lach & Schieß.

Ich glaube, der Punkt ist erreicht, an dem dieser berühmte Tropfen, den man ja nie sieht, das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Es gibt eben Menschen, die ein ästhetisches Empfinden haben und in Städten leben mögen, in denen man nicht das Gefühl haben muss, eingemauert zu sein. Und jetzt verschwindet - ich rede von Stuttgart - ein Bahnhof unter der Erde, und an der Stelle, an der er gestanden haben wird, soll eine Architektur entstehen, die aussieht wie das Gefängnis in Stammheim. Da werde ich auch zum Wutbürger! Obwohl dieses Wort überhaupt keinen Charme hat.

Wie würden Sie stattdessen dieses Phänomen des Bürgerprotestes bezeichnen?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, weil ich mich ja mit dem gewählten Wort herumschlagen muss. Aber ich wüsste das Unwort des Jahres - „Lückenlose Aufklärung“. Das ist für mich das Unwort der letzten Jahrzehnte.

Es ist ja nun heuer „alternativlos“ geworden.

Das ist allerdings völlig alternativlos, ja! (Lacht.)

Es gibt auch kritische Stimmen, die eine Regionalisierung der Protestkultur sehen. Jeder kämpft nur noch gegen den Bahnhof, die Autobahn, den Flughafen vor seiner Tür. Was weiter weg passiert, ist egal.

Wo ist da das Problem? Warum sollte ich mir Gedanken um den Hamburger Bahnhof machen, wenn ich in Stuttgart wohne? „In der Küche fängt die Politik an“, hat Hanns Dieter Hüsch mal gesungen. Ich finde das ganz in Ordnung, dass Politik zunächst einmal auf der lokalen Ebene stattfindet. Um für eine andere Außenpolitik zu kämpfen, ginge ich nicht auf die Straße. Da käme ich mir albern vor.

Apropos lokale Ebene - Sie bekommen heute den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München. Was bedeutet Ihnen diese Stadt?

Sie ist mir eine Heimat. Ich hatte ja eine andere, die haben Adolf Hitler und ich gemeinsam verloren. Er hat’s nicht überlebt, ich schon. Und so bin ich nach Bayern gekommen - gekommen worden. Aber es hat mir nicht geschadet. Im Gegenteil. Wer nicht in Bayern lebt, hat sowieso Pech gehabt. Das habe ich jedenfalls immer von den Ministerpräsidenten dieses Landes gehört. (Lacht.) Ich habe also Glück, lebe in der Hauptstadt Bayerns und fühle mich hier wohl. Seit 1950 bin ich hier und hatte seitdem noch nie Lust, woanders hinzugehen.

„Früher war alles besser“ - das sagen alle ab 50, manche auch schon früher. Ist das ein Satz, den Sie auch für sich entdeckt haben?

Früher war manches besser - aber auch vieles schlechter. Der Fortschritt, der ja nicht aufzuhalten ist, hat mir so etwas wie das Faxgerät beschert, eine unglaubliche Erfindung.

Und sonst?

Das Leben der Menschen in Deutschland ist von der Gewalt weiter entfernt als früher. Der Militarismus ist fast völlig verschwunden. Nicht das militante Denken, das ist wieder was anderes. Nein, vieles ist besser geworden, leider auch die Blödheit.

Besser?

Auch die Blödheit nimmt zu, das sieht man ja schon am Fernsehprogramm, von dem man das Gefühl hat, dass es mehr und mehr für Analphabeten gedacht ist. Wie blöd muss man sein, um sich so etwas auszudenken? Ich fühle mich nicht ernstgenommen von den Programmmachern. Und dieses Gefühl hat sich in der letzten Zeit verstärkt.

Sie werden nächstes Jahr 85. Gibt es einen Ruhestand für Sie - und wie sieht der aus?

Eine Ruhestand kann’s für mich gar nicht geben, weil ich von Haus aus die Unruhe pflege. Mich kann man nicht so schnell zur Ruhe bringen. Wenn mir zum Beispiel passieren würde, dass mir wie einem Soldaten in Afghanistan die Briefe geöffnet werden, da könnte ich noch so sehr im Ruhestand leben, da würde ich explodieren.

Das Gespräch führte

Rudolf Ogiermann.

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