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Dieter Hildebrandt

Hildebrandt: „Ich kann doch auch nichts dafür“

München - Das alte Zirkuspferd hat die Luft der Manege gewittert und es allen jüngeren Gäulen so richtig gezeigt. Dieter Hildebrandt, Jahrgang 1927, riss bei der Uraufführung seines Kabarettprogramms „Ich kann doch auch nichts dafür“ am Dienstagabend in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft alle hinein in eine fröhliche Begeisterung.

Gerade die strahlte der Satiriker in den fast drei Stunden (inklusive Pause und Zugabe) herrlich lebensintensiv aus, obwohl er ganz genau um all die schlimmen Fehler und kleinen Schwächen unserer Welt weiß. Das Publikum hätte ihn am liebsten nicht gehen lassen – vielleicht gerade deshalb. Das war schon immer Hildebrandts Markenzeichen: Er analysiert das Schlechte unverblümt, macht jedoch nicht mutlos, sondern gibt Kraft.

Die tankten ebenfalls prominente Fans wie die alten Lach & Schieß-Weggefährten Hans-Jürgen Dietrich und Klaus Peter Schreiner, aber auch Cartoonist Dieter Hanitzsch, Schauspielerin Ilse Neubauer, Autor Roger Willemsen oder Klaus Fussek, Kämpfer gegen Pflegemissstände. In diesem Engagement sind sich er und Hildebrandt einig. Und so thematisierte der gleich zu Beginn sein Alter. Beim Blick in den Spiegel, in den Pass und auf das Geschriebene sei klar gewesen, dass das nicht auswendig gelernt werde.

Am Ende der Vorstellung vollendet der Künstler das Motiv Alter im Thema Tod: Frage, „wo ist die Ruhe so aufregend, dass ich mich nicht langweile?“, plus Grübelei über eine mögliche Laufbahn als Schutzengel. Dann gibt’s noch einen schlitzohrigen Anti-Jugend- Rap, assistiert vom Krückstock, Max genannt.

Zuvor hatte Dieter Hildebrandt seine Zuschauer mit einem netten Duschkopf bekannt gemacht, der, ebenfalls mit Namen ausgestattet, bei Lach-Yoga eine entscheidende Rolle spiele: beim sinnfreien Lachen. Das hat den Mann des sinnvollen Lachens sichtlich gewurmt. Aus dieser Glücksmode zauberte er sein eigenes Yoga-System, bis allen die Lachtränen nur so herunterliefen. Eine Fetzengaudi war und ist beim Maestro des politischen Kabaretts erlaubt, die allgemeine Verblödungssucht zeigt er dennoch auf.

Präzise, geduldige Beobachtung ist die Basis der Kunst des notorischen Zeitungslesers Hildebrandt. So ist es vor allem die Sprache, der er nachspürt und die zur Entlarvung führt. Da stolpert man über Sätze wie „Ich kann doch nichts dafür“, die Bankiers so gern sagen wie Bahnangestellte, Politiker wie Kleriker. Diese Achselzuck-Bemerkung ist denn auch der rote Faden dieses Abends, der ebenfalls „Mit 90 in die Kurve“ – Thema: Alter –, „Döner zweier Herren“ – Thema: Türkei und EU –, oder „Wer missbraucht mich?“ hätte heißen können, schmunzelt der Kabarettist. Letzteres würde in Bayern eh nicht provozieren, in Bayern gebe es gar keinen Missbrauch, das sei da schon Brauch.

So warmgespottet zieht er übers Fernsehen („Deutschland sucht den Grauen Star“) her, den „vorübergehenden“ Außenminister, ausgiebig über „das schwäbische Wortgewitter“ Brüderle, sehr uninspiriert über die Bundeskanzlerin oder über Seehofer: Der will Rösler in der Pfeife rauchen, „aber wo in Bayern darf er das?“. Hildebrandts Sprache glitzert mal Edelsteinecht, mal Talmi-frech, mal Kinder-bunt. Herzblut vergießt er, der noch Nazi-Terror und Krieg erlebt hat, für die Demokratie und die soziale Gerechtigkeit. Da ist es schade, dass sein überaus gescheiter Exkurs über Bürger/Burgbewohner mit den Rede- Sternschnuppen zu schnell verglüht. Trotzdem hat man jede einzelne bestaunt und sich schnell etwas gewünscht: dass Dieter Hildebrandt weitermacht.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

ausverkauft; der Vorverkauf für November beginnt am Mittwoch; Tel. 089/ 39 19 97.

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