Kritik

Da hilft nur beten

„In nomine patris“: Eröffnungspremiere des Deutschen Theaters im Fröttmaninger Theaterzelt.

Zuerst die gute Nachricht: Münchens Deutsches Theater hat seine Interimsspielstätte in der Zeltstadt in Fröttmaning eröffnet. Ein Theaterraum ist entstanden, in dem sich’s spielen lässt. Und trotz größter Hektik und manch baulicher sowie technischer Unbill in der Vorbereitungszeit wäre ja am dreistündigen Premierenabend auch alles pannenlos über die Bühne gegangen – wenn, ja wenn die Auftaktproduktion, die Uraufführung des angeblich kirchenkritischen Musicals „In nomine patris“, nicht selbst die große Panne gewesen wäre.

Was haben sich die Veranstalter wohl dabei gedacht, diesen himmelschreienden Blödsinn auf die Bühne zu bringen? Irgendwie hat vermutlich auch hier der Teufel seine Finger im Spiel gehabt; hat den fleißigen Geschäftsführern des Deutschen Theaters mit jenem Rauch, der zuweilen während der Aufführung immer wieder penetrant riechend über die Bühne und in den Zuschauerbereich hinein wabert, den Blick vernebelt. Sonst wäre die Annahme eines solchen „Werks“ doch restlos ausgeschlossen.

Aber schließlich scheint Beelzebub bereits Autor und Komponist Bernd Stromberger die Hand geführt und sich selbst in Gestalt des munter über die Bühne stolzierenden Gekreuzigten ins abstruse Spiel hineingeschrieben zu haben – als Gegenspieler der Hauptfigur. Die ist der fiktive Papst Anastasius Christus, der unverhofft mit der Existenz einer 20-jährigen Tochter konfrontiert wird, einer hübschen Novizin, was natürlich vor dem Kind wie vor der Kirche geheim bleiben muss.

In seinem Auftrag soll nun die schöne Margarethe bei der Nobelpreisverleihung an den Gottesleugner Heinrich, der die Weltformel entschlüsselt haben will, teilnehmen, um den Frevler in den Vatikan zu locken. Aber beim gesellschaftlichen Tanz erliegt sie den Verlockungen des Mannes, wird nun doch nicht Nonne, heiratet den klugen Kerl, geht als Ärztin nach Afrika, wird dort todkrank – und zunächst nur dadurch gerettet, dass der Heilige Vater diesem Pseudo-Jesus auf den Leim geht.

Denn zu diesem Zeitpunkt ist der Papst längst schon an dem Konflikt zwischen Glaubenskrise der Menschheit und unterdrückter Liebe zur einstigen Jugendflamme und Mutter Margarethes meschugge geworden. Er lässt sich auf den faulen Handel ein, mit geklonten Christus-Genen – schließlich ist man im Besitz der originalen Dornenkrone – Tochter Margarethe zu einer „unbefleckten Empfängnis“ zu verhelfen, auf dass sie den neuen Heiland gebären möge.

Sein Wille geschehe, die Frau wird schwanger – und stürzt sich, als sie die Wahrheit erfährt – aus dem Fenster des Vatikans. Der falsche Christus gibt sich als triumphierender Satan zu erkennen, Papst Anastasius legt sein Ornat ab, zerbricht den Kreuzstab, mit dem er daraufhin vom Kurienkardinal erstochen wird. Sterbend bekennt sich Anastasius – nun wieder Gabriel Schönkind – zu seiner alten Liebe.

Eine Tragödie. Eine Tragödie der Macher. In diesem Fall wäre es gescheiter gewesen, weniger an der bösen Menschheit zu zweifeln als an sich selbst. Aber in ihrem unerschütterlichen Glauben an die eigene Unfehlbarkeit fühlten sie sich berufen, sämtliche Problemfelder der Welt abzuhandeln: von der katholischen Kirche bis zum Sensationsjournalismus, von den Armen in der Dritten Welt bis zur Gentechnologie, von Ebola bis zur ewigen Faust-Gretchen-Problematik. Und das alles ohne einen Funken Humor, obwohl das Libretto in seiner frommen Einfalt wahrlich nicht ernstzunehmen ist.

Das gilt auch für die einheitsbreimäßige Musik, die absäuft in schlecht ausgesteuertem Sound, der sich wie Konserve anhört. Dass hinter der Bühne das kleine Orchester sitzt, kriegt niemand mit. Eine Beleidigung für die Musiker. Da wundert es nicht, dass auch bei Regisseur Hansjörg Hack und Choreograph Kurt Schrepfer die göttlichen Eingebungen ausbleiben. Wirklich gut ist die praktikable und wirkungsvolle Verschiebebühne von Klaus Hellenstein. Vor allem aber: größten Respekt den vom Publikum bejubelten Darstellern – von Dean Welterlen als smarter Papst über Conny Zenz als taffe, ehemalige Papst-Geliebte bis zu Jasmina Sakr als anmutige Margarethe; dazu Patrick Stanke als Heinrich, Thomas Jutzler als Reporter, Marc Liebisch als falscher Jesus und Ulrich Popp als Kardinal.

Das Deutsche Theater in Fröttmaning: Da hilft nur beten.

Bis 16. November

Karten: Tel. 089/ 55 23 44 44.

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