Den Himmel erobert

- Das so richtig spektakulär Neue bieten die Biennale-Kuratorinnen María de Corral und Rosa Martínez nicht. Wie ihre Vorgänger übrigens auch nicht. Die nur sechsmonatige Vorbereitungszeit, die man den Spanierinnen - die ersten "Chefinnen" seit Bestehen der venezianischen Institution - zumutete, war schon sehr kurz. Immerhin versuchen die beiden zumindest, abgenudelte Künstler möglichst zu umgehen; und sie bieten auffallend viele Werke von Künstlerinnen: ein erfreuliches Statement ohne Emanzen-Kampfgetue.

Obwohl Martínez ihre Schau "Sempre un po' più lontano" (Immer ein bisschen weiter) in den Hallen des alten Arsenale mit den markigen Plakaten der Guerrilla Girls (USA), die die Frauenquoten in den Museen untersuchen, und dem gigantischen Lüster aus Tampons (Joana Vasconcelos, Portugal) starten lässt, wird vor allem eines klar: Kunst von Frauen ist heute so selbstverständlich wie die von Männern. Und sie scheut sich auch nicht davor, mächtiges Pathos zu verbreiten. Das ist allerdings nicht so sehr im Arsenale zu besichtigen, am ehesten noch bei María Teresa Hincapié de Zuluagers dunkel raunender Mythos-Installation aus Laub-Stern, Vogelkäfig, Kerzenschein und Videoprojektion (Kolumbien). Annette Messager beweist im Französischen Pavillon in den Giardini mit ihren märchenbösen Erzähl-Arbeiten (wir berichteten), dass frau weite kulturelle Felder besetzen kann - und erhielt dafür einen Preis. Aber wirklich monumental ist nur Pipilotti Rists Werk. <BR><BR>Homo sapiens ist eine Frau<BR><BR>Die Schweizerin fängt erst gar nicht mit Pavillons an, ihr genügen auch nicht Hallen. Sie hat sich den (katholischen) Himmel erobert und macht sich zur Kollegin der venezianischen Maler, die in ihren Fresken das All mit Gott, Engeln und Heiligen über die Kirchenschiffe spannten. Rist schuf ein sich stetig wandelndes Video-"Fresko" in brillanten Glasstein-Farben. Sie passt ihr Kaleidoskop-System den Achsen und Rippen der Kirchenkuppel an. Und das dauernde Sich-aus-sich-selbst-Fortzeugen des Kaleidoskops entspricht der Zellteilung, dem Leben, dem Werden und Vergehen und Werden. Rists "Homo sapiens sapiens" ist eine Schöpfungsgeschichte, der man am Boden auf bunten Matratzen liegend beiwohnt. Opulent, manchmal kitschig, anspielungsreich, überwältigend, ein Traumgebilde, das einen wegträgt. Ach ja, "Homo sapiens sapiens" ist eine Frau.<BR><BR>So einen Sphärenwechsel erlebt man im Arsenale auf beängstigende Weise. Da ist es nicht der Himmel über Venedig, sondern die Erde. Einem wird der Boden unter den Füßen weggezogen: Samuel Becketts Projektion "Breath" ist eine Licht-Laut-Installation, die 1969 erstmals in New York realisiert wurde. Man steht auf dem Grund und fährt doch rasend dahin auf undefinierbarem Abfall. Wer gegen die "Fahrtrichtung" geht, glaubt, weggeschleudert zu werden. Ergänzend dazu die (Video-)Atemübungen von Nikos Navridis (Griechenland), eine fast meditative Studie von Leiblichkeit, Bewegung und Individuum. <BR><BR>Wie überhaupt Martí´nez sich bei "Sempre un po' più lontano" sehr um Bezüge, Dialoge bemüht. So setzen sich Atem, Buntheit, Geräusch, Müll von innen draußen fort in Pascale Marthine Tayous windspielerisch raschelndem Plastiktüten-Netz (Kamerun, Belgien). Die Kuratorin verzeichnet natürlich in ihrer Schau die gängigen Strategien zwischen Gemälde und Performance, Foto und Skulptur, zwischen dokumentarischem Impetus und surrealer Verrückung, Dienstleistung und Aufklärung. Das ist bisweilen recht vordergründig, manchmal führt es zu einem tieferen Schauen, Beobachten, Lernen.<BR><BR>Das in seiner Fülle wunderbar faul hingestreckte Nilpferd vom Team Jennifer Allora (USA) und Guillermo Calzadilla (Kuba), das sicher ein Publikumsliebling wird, steht für den animalischen Körper und seine Genuss-Sinnlichkeit. Auf ihm sitzt ein Mädchen, liest Zeitung und bläst ins Schiedsrichterpfeifferl. Eine intellektuelle Europa auf dem schlafenden Riesen. Dieser verschoben-verschrobene Realismus lächelt. Bedrohlich wird er bei Paloma Varga Weisz (Deutschland) und ihrem Galgenfeld, das Assoziationen mit Golgatha zulässt, aber auch mit Fakiren auf Pfählen.<BR><BR>Viel weniger plakativ, aber nachhaltiger ist die Irritation, die Kimsoojas "Needle Woman" auslöst (Korea, USA). In Nepal und Israel, im Jemen und Tschad steht eine Frau in der Brandung der Menschen in Marktgassen. Ungerührt wie ein Pfeiler harrt sie aus; die Kamera zeichnet nur die Reaktionen auf das Hindernis, die Filmleute oder die Nicht-Reaktionen der Vorübergehenden auf: ein so gelassenes wie geduldiges Menschheitsporträt. Es verbindet sich innig mit der Arsenale-Schau, die Martínez deutlich dem Menschen und seinem Körper gewidmet hat.<BR><BR>

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