Himmel und Hölle

- Alle Sprachgewalt, alle großartige Poesie unbenommen: Ein "sympathischer" Text ist das nicht, der da den privilegierten Platz ganz am Ende der Bibel einnimmt. Kein Wunder, dass die "Offenbarung des Johannes" mit ihren Zerstörungs-, Bestrafungs- und Ausgrenzungsfantasien schon immer die Fanatiker und Fundamentalisten unter den Gläubigen besonders inspirierte. Ob solches mit der unbedingten Lebensbejahung des "jüdischen Mystikers" Jesus von Nazareth noch viel zu tun hat?

<P>Im Einleitungsgespräch zu Paradisi gloria in der Münchner St.-Michaels-Kirche vermochten auch zwei so blitzgescheite Diskutanten wie Walter Jens und Albert Scharf nur wenig Licht in das Dunkel solcher Widersprüche zu tragen - zu kurz die knappe halbe Stunde, zu groß die Unruhe im von letzten logistischen Unebenheiten widerhallenden Kirchenraum. Der fast acht Sekunden währende Nachhall war es auch, der "L' apocalypse selon Saint-Jean" von Jean Françaix viel von ihrer schillernden Subtilität nahm: eindrucksvoll vor allem die Passagen, da sich der BR-Chor und das Münchner Rundfunkorchester unter Marcello Viotti zu blockhafter Geschlossenheit oder atmosphärischem Säuseln vereinen durften, etwa in der seraphischen Vision vom himmlischen Jerusalem am Ende.<BR><BR>Von den klanglichen Feinheiten etwa des "Höllen"-Orchesters mit seinen grotesken Saxophon-, Ziehharmonika- und Mandolinenklängen indes blieb angesichts der breiigen Akustik nicht viel übrig. Unter souveränen Gesangssolisten ragten mit silbrig-intensivem Sopran Diana Damrau und der exzellente, klangschön-markante Bass von Nicolas Testé heraus. Fest steht, dass durch die geplanten Sparmaßnahmen mit Paradisi gloria eine wichtige, da eigenständige Stimme im musikalisch-kulturellen Diskurs in München verschwinden würde.<BR><BR>Bleibt zu hoffen, dass die zugunsten der bedrohten Reihe ausliegenden Unterschriften-Listen die Verantwortlichen zu einem Umdenken bewegen werden. </P><P> </P>

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