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Himmlisch heitere Reise

- Gibt es das noch, dass ein Theaterstück von der ersten Sekunde packt und ohne Abschlaffen satte drei Stunden in Atem hält. Ja!! Und ganz ohne gesprochenen Text. Zwischen Walzer, Tango, Twist, Boogie und Disco-Funk nimmt uns Metropoltheater-Chef Jochen Schölch mit auf eine himmlisch heitere und doch ganz und gar nicht unernste Reise durch die Moden der Gesellschaftstänze und crazy Outfits - die gleichzeitig Zoom zurück in NS- und Wirtschaftswunderzeit ist: "Das Ballhaus", am Ende umtost von Applaus-Orkan.

<P>"Le bal", Ettore Scolas Film von '83, schwirrt einem ja noch dunkel durch die Erinnerung. Aber was Schölch und sein Superteam aus der französischen Idee (des Thé´â^tre du Campagnol) gemacht haben, ist ein ganz eigenes, (west-)deutsches Original. Das schon wieder glorreich undeutsch ist: Selten ist man so direkt am Lebensgefühl gepackt wie hier, ohne sich fürs befreite Lachen und (großartig Schölchs Balance) immer wieder tiefes Berührtsein zu schämen.<BR><BR>Beginn der Ballnacht mit dem Auftritt der Damen die teppichrote Treppe (Hannes Neumaiers geschickt atmosphärische Bühne) hinab: die ganze weibliche Palette von der Züchtigen, Spießig-Adretten, Brüstestolzen bis zum "kessen Vater" im Frack. Dann der Gänsemarsch der Herren, Mann, was für Typen, zum Spiegel (wir). Durch verdeckendes Portal - Empore, später für marschierende Stahlhelme - sieht man aber immer zuerst nur die Beine. Ein voyeuristischer Comic-Effekt, der pfiffig die Neugier wach hält, wenn Charleston-Stöckel, Cowboy-Stiefel, Schlaghosen und knöchellanger Öko-Heimstrick angesagt sind. Allein der bunte, so stilsichere Fashion-Trip durch 70 Jahre (Andrea Fissers Kreativ-Recherche) wäre den Abend schon wert.<BR><BR>Aber das ist ja das Schöne: Nichts wird hier Selbstzweck. Die Kleider sind Zeitsignale. Nicht Hülle, sondern Teil eines Existenz-, eines Körpergefühls, das hier sofort auch in die Bewegung übergeht, getragen von den Tanzboden- und Schlagerhits der Vor- und Nachkriegszeit, "bal musette", "Jawoll meine Herren", Glenn Miller, die Italo-Schmalz- und Peter-Kraus-Teenie-Welle, Elvis, Led Zeppelin und Michael Jackson. Eine Collage, dramaturgisch genauestens abgestimmt, in die sich Christoph Weber - sonst der devot-gesichtige Ober - am Klavier mehrmals sensibel dramatisch einmischt.<BR><BR>Es sind so viele wunderbare Aha-Momente für Auge und Ohr. Aber mehr noch. Dahinter scheint noch eine zweite und dritte Schicht auf: Beziehungen, die sich knüpfen in diesen Parkett-Schleichern, Quicksteps, Krabben- und Apfelsinen-Tänzen (fein differenziert von Richter & Schmieder), das Schäkern, Flirten und Fremdäugeln, das Brechen von Tabus, die gesellschaftlichen Veränderungen. Und es wird ja auch hier noch die ganze Deutschland-Story erzählt. Das Auftauchen der Braunhemden, Festnahmen im Ballsaal, Hitlers "Totaler-Krieg"-Forderung aus dem Volksempfänger.<BR>Dann die G.I.s mit Chewinggum und Cigarets, Mondlandung, Studentenrevolte, Flower-Power. Alles schon kalter Kaffee. Richtig. Hier allerdings kommt's drauf an, wie er serviert wird, mit welchem Können und Charisma. Blicke, sprechende Gesten, Bewegungshumor und Wandlungsfähigkeit zum Umwerfen. Und zwar von allen 18 Schauspielern, sieben davon Studenten der koproduziernden Bayerischen Theaterakademie. Darin liegt wohl das Gelingen, dass Schölch, selbst Leiter des Studiengangs Schauspiel, und dieses junge Talentepotenzial sich gegenseitig zu Höhenflügen inspirieren.<BR><BR>Und nicht zuletzt: Jochen Schölch, der ja schon mehrmals für das Gärtnerplatztheater inszeniert hat, dort nicht jedes Mal so ganz erfolgreich, scheint doch am besten, wenn er, ohne den Bedienungs-Druck, als sein eigener freier Regisseur arbeiten kann. Beweis wieder einmal, dass es nicht unbedingt ratsam ist, die "Freien", also die so wichtige "außer-staatstheaterliche Opposition", von den etablierten Häusern vereinnahmen zu lassen.</P><P>Bis 31. Januar im Metropoltheater, ab 5. März im Prinzregententheater.<BR><BR><BR></P>

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