Ausstellung

Himmlisches Kunstvergnügen: „Irdische Paradiese“

München - Ein bisschen kommt man sich diesmal vor wie der legendäre Brandner Kaspar. Nachdem der probehalber einen Blick ins Paradies geworfen hatte, entschied er sich, gleich dazubleiben.

So ähnlich geht es auch dem Besucher des Augsburger Schaezlerpalais, obwohl man dort nur einen Blick auf „Irdische Paradiese“ werfen kann. In der gleichnamigen Ausstellung sind Meisterwerke aus der Kasser Art Foundation zu sehen, die zunächst eines klarmachen: Schöne Landschaften und schöne Frauen (meist unbekleidet) gehören unverzichtbar zu unserer Vorstellung eines weltlichen Elysium.

Es sind überwiegend Landschafts- und Aktdarstellungen, in denen sich hier die Visionen von Glück, Harmonie, Erfüllung manifestieren, mit denen Künstler eine Ursehnsucht zum Ausdruck bringen. So wie etwa Paul Signac in seiner pointilistisch hingetupften Garten-Eden-Szenerie mit dem Titel „Au temps d’harmonie“ (1895), auf der zufriedene Menschen in mediterraner Umgebung beim Boulen, Tanzen und Lesen zu sehen sind, als wären sie verbürgerlichte olympische Götter. Zusammengetragen wurden die paradiesischen Bilder-Schätze von Alexander Kasser (1909- 1997) und seiner Frau Elisabeth (1920-2002).

Nachdem der ungarische Chemiker als Papierfabrikant zu Reichtum gekommen war, konnte er sich einen langgehegten Traum erfüllen: Als erstes Stück seiner Sammlung kaufte er ein Exemplar von Rodins 1893 entstandener Bronzeplastik „L’eternelle idole“ („Das ewige Idol“), das er einst als mittelloser Student in Paris gesehen hatte – eine Begegnung, die den Urknall von Kassers Kunstleidenschaft darstellte. Die dynamisch fließende Figurengruppe zeigt einen nackten Mann, der kniend eine nackte Frau anbetet, und ist eines der Spitzenwerke der Schau.

Nach dem Krieg wanderten die Kassers nach Amerika aus, wo sie ihre Sammlertätigkeit fortsetzten und 1969 die Kasser Art Foundation gründeten. Mit der Augsburger Ausstellung sind nun erstmals in Europa größere Teile dieser bedeutenden Privatsammlung zu sehen. Die Liste der ausgestellten Künstler von Renoir über Dix bis Modigliani liest sich jedenfalls wie ein „Who is who“ des Impressionismus und der Klassischen Moderne – den beiden Schwerpunkten der Sammlung Kasser.

Da gibt es von Cezanne die kleinformatige, aber dennoch monumental wirkende Zeichnung einer „Kauernden Venus“, ein ganz früher Picasso von 1897 zeigt eine schummrige Wirtsstube (offenbar auch eine Art irdisches Paradies), und dass für manche das höchste Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde liegt, demonstrieren Reiterplastiken von Marino Marini. Zu den Höhepunkten der opulenten Ausstellung gehören aber sicher Monets „Bloc de Rochers“ (1886), eine kraftvoll-nervös hingestrichelte, in gleißender Sonne flirrende Klippen-Ansicht, und Georges Braques in mythischer Einfachheit erstarrte „Steilküste“ (1938). Nicht umsonst sind es häufig Küstenlandschaften, also Orte des Übergangs, die den Künstlern zu Kristallisationspunkten der Sehnsucht werden.

Einen reizvollen Kontrast zu diesen Meisterwerken der Moderne bilden die (relativ kleinen) Barockkabinette im Schaezlerpalais, die trotz der dichten Bestückung mit Bildern und Plastiken nie überfüllt wirken. Vielleicht deshalb nicht, weil die Exponate dem Betrachter innere Flucht- und Fantasieräume eröffnen, eine Stimmung von Weite, Licht und Ferne erzeugen.

So trägt der Ausstellungsort mit dazu bei, dass die Schau eine zu selten beachtete Perspektive eröffnet – ruft sie doch ins Gedächtnis, dass die Kunst der Moderne nicht nur die großen, schroffen Zertrümmerungsgesten des Kubismus und Expressionismus kennt, sondern auch eine Tendenz zu zarter Verklärung. Der Ausstellungstitel aber erweist sich am Ende fast als Untertreibung. Denn allen, die noch nicht jenseits von Eden sind, dürften diese „Irdischen Paradiese“ ein himmlisches Kunstvergnügen bereiten.

Bis 22. November
Maximilianstr. 46
täglich außer Mo. 10-18 Uhr, Di. und Do. bis 20 Uhr
Eintritt 9 Euro

Alexander Altmann

Rubriklistenbild: © ap

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