Hinabgestiegen in die Hölle seiner Jugend

- Ist er nun ein Mörder oder nicht? Die Tochter, weit in den Vierzigern, will es plötzlich wissen. Ob ihr lang gepflegtes Vaterbild vom humanistisch gebildeten, überlegenen, unangreifbaren Oberstudienrat, Fixpunkt, ja Idol in ihrem Leben, eigentlich stimmt. Je gestimmt hat. Und natürlich sperrt sich der Vater zunächst. Warum sollte er der Tochter zuliebe, die doch Bescheid weiß über die Kriegsjahre, seine Zeit als Soldat in Russland, sich noch einmal in Gedanken hinein begeben. In die grausamen Erinnerungen, die Wüstenei und Metzelei, in Niedertracht, Auszehrung und Überlebensversuche, in die ungeheure Angst. In die Bilder, die seine Tochter Katja ihm in seinem Seniorenheim auf den akkuraten Schreibtisch schiebt. In Form eines Kataloges nämlich über die Ausstellung "Verbrechen im Osten".

<P>Ulla Hahn hat sich in ihrem neuen Roman "Unscharfe Bilder" mit den aufeinander prallenden Gefühlen verschiedener Generationen, den Vorwürfen und Verleugnungen auseinander gesetzt, die in Deutschland durch die umstrittene Schau "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941_1944" des Hamburger Instituts für Sozialforschung ausgelöst wurden.</P><P>Vorwurf und Verleugnung</P><P>Ihre Romanfigur, die auf die Schule und den Vater Hans Musbach fixierte Gymnasiallehrerin Katja, ist schon zu Beginn des Romans schwer aufgewühlt. Von was genau, das erfährt der Vater und mit ihm der Leser erst ganz spät. Es ist jedenfalls Anlass für sie, bei ihren täglichen Besuchen Musbach auszufragen, ja zu verhören: "Es geht doch hier nicht um Kinder und Schamgefühle über nicht verschenkte Schokolade! Da ist ja wohl Schlimmeres passiert, als dass ein Kind keine Schokolade kriegte!" </P><P>Katja bohrt, insistiert und quält damit unerbittlich den Vater. Und sie ist dabei ganz und gar nicht Identifikationsfigur, wenn sie, in ihrem Alter leicht verspätet, dunkle Vergangenheiten ans Licht und in das so abgeklärte Bewusstsein ihrer eigenen Generation zerrt. Ulla Hahn lässt sie just dann aus dem Zimmer des arg erschöpften alten Mannes fliehen, als der erzählt, wie er schwer verwundet einen um Hilfe flehenden Kameraden liegen lassen musste. Und man stutzt, wie Katja leichthin Urteile zu fällen wagt über Dinge, die sie nie erleben musste, obwohl sie selbst die Kraft nicht aufbringt, dem Vater bei seinem Geständnis beizustehen. </P><P>Hahn hat die Figur der Tochter allzu flach und synthetisch angelegt. Katja ist eine Person, die keine eigenen Werte, Erfahrungen, Überzeugungen, nicht einmal eigenes fehlerhaftes Verhalten entgegen zu setzen hat. Das macht die ihr zugeschriebenen Gefühle leer, stumpf, nicht nachvollziehbar. Sie bleibt den ganzen Roman über der konstruierte Widerpart. Erzähl-, Rechtfertigungs-, Bekenntnisanlass für den damals schuldig gewordenen Musbach. Zu allem Überfluss schildert Hahn an Katja auch noch die Befreiung einer Tochter von einem Ödipuskomplex. Diese Geschichte, mit nebensächlichen Episoden ausgeschmückt, ist nur Protokoll einer Psychotherapie. </P><P>Umso stärker und bewegender geraten dadurch die Erinnerungen des Vaters. Momente der Schwäche, Hilflosigkeit und Beschämung. Einmal hinabgestiegen in die Hölle seiner Jugend, erspart Musbach Tochter und Leser nichts. Weder zerfetzte Menschen noch eingenässte Uniformhosen, Schlachthausgeruch und auch nicht die selten empfundenen Schönheiten, die in so krassem Kontrast zu den Gräueln stehen, die ihn aber an ein Überleben glauben ließen. Und für die er sich jetzt schämen soll. Es ist nicht so sehr die geschilderte Vater-Tochter-Beziehung, die als Symbol für einen allgemeinen Generationenkonflikt doch zu blass und schlicht geraten ist, sondern die zunehmende Schärfe der aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängten Bilder, die diesen Roman lesenswert macht.</P><P>Ulla Hahn: "Unscharfe Bilder". Roman. DVA, München. 256 Seiten, 18,90 Euro.</P>

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