Die Hingabe und das Kämpferische

- Wenn sie in München Theater spielt, dann bei Dieter Dorn. 25 Jahre lang an den Kammerspielen, jetzt immer wieder auch am Bayerischen Staatsschauspiel, derzeit im Marstall in "Das Rad des Glücks": Jennifer Minetti. Als Tochter des berühmten Bernhard Minetti ist sie längst aus dem Schatten ihres Vaters getreten. Heute wird sie mit dem Theaterpreis der Stadt München geehrt. Natürlich in der Muffathalle, jenem Ort für Unkonventionelles, der zu ihr passt.

Noch zu Kammerspiele-Zeiten war Jennifer Minetti eine Ausnahme: Sie begab sich immer öfter in Grenzbereiche, um mit ihrer Kraft, ihrer schauspielerischen Kompetenz, ihrem darstellerischen Mut manches theatralische Experiment auf den Weg zu bringen. So war sie zum Beispiel gern gesehener Gast auch in Elisabeth Schweegers verrücktem Marstall-Programm.

Seit ein paar Jahren lebt Jennifer Minetti nicht mehr in München. Auch nicht mehr in Frankfurt, wo sie zuletzt fest am Theater war. Sie hat ihren Wohnsitz nach Frankreich, Haute-Marne, verlegt mit der Absicht, dort das Landleben zu genießen, wozu die Vielbeschäftigte allerdings noch nicht gekommen ist.

Welche Bedeutung hat für Sie die Preisverleihung?

Minetti: Ich habe mich unglaublich gefreut. Ich spiele seit 1977 in München Theater. Es ist schön, dass so etwas nicht spurlos vorübergeht.

Mit Ihrem Namen verbindet man immer eine besondere Modernität. Wie erklären Sie sich das?

Minetti: Das kommt wohl aus meiner Neugier. Sie ist das Wichtigste in unserem Beruf. Neugier neuen Stücken gegenüber. Neugier gegenüber jungen Regisseuren. Dass die - oder einige von ihnen - so gern mit mir arbeiten, liegt nun wieder an deren Neugier. Dass sie sich dem Alter gegenüber öffnen, dass wir zusammen etwas entdecken wollen. Das ist etwas, das mich doch ein bisschen mit Stolz erfüllt. Vielleicht fing das ja überhaupt mit Christian Stückl an, als der 1991 mit mir im Werkraum die "Volksvernichtung" von Werner Schwab gemacht hat.

Vieles von dem, was Sie schauspielerisch unternehmen, ist weit entfernt vom Staats- und Stadttheaterbetrieb . . .

Minetti: Das bisher kühnste Projekt ist im November in Berlin zu sehen: "Disperformance", die Arbeit eines jungen Regisseurs und Schauspielers, David Weber-Krebs, aus der Amsterdamer Schule. Das geht bis an die Grenze, fast bis zur Verweigerung des Berufs. Ich denke, weiter geht's nicht. Denn das ist auch die Grenze des Theaters. Da erfuhr ich, was es heißt, auf der Bühne zu sein und nicht zu spielen. Eigentlich etwas für Minimalisten und Performerinnen.

Schauspielerinnen haben, wenn sie älter werden, oft Probleme, Rollen zu bekommen. Bei Ihnen scheint's umgekehrt zu sein. Es wird immer besser. Woran wird das wohl liegen?

Minetti: Ich habe nie großen Wert auf mein Äußeres gelegt. Man musste mich nehmen, wie ich bin. Ich habe im Theater nie die hehren Heldinnen gespielt, also brauchte ich von dieser Höhe auch nicht herunterzukommen, was ja schwer fällt.

Würden Sie gerne unterrichten?

Minetti: Mich haben früher viele danach gefragt, ich habe es zeitlich nur nie so richtig geschafft. Aber ich würde es gerne tun.

Was wäre für Sie das Wichtigste in der Ausbildung angehender Kollegen?

Minetti: Die Sprachfähigkeit. Sie ist nach wie vor allseits nicht so vorhanden, wie sie müsste. Ich finde ja gut, wenn sich die Schauspielstudenten beim körperlichen Training austoben können. Wenn sie aber bei dem Sich-Austoben auch noch die Sprache und das Sprechen beherrschen würden, wäre das ideal. Doch daran wird in den Schulen zu wenig gearbeitet. Auch der Zugang zur Sprache der Klassiker liegt sehr im Argen. Ich würde gerne versuchen, bei den jungen Menschen die Neugier dafür zu wecken.

Also dem Autor wieder einen größeren Stellenwert einräumen, als dies heute an vielen Häusern üblich ist?

Minetti: Ja. Es hört sich vielleicht komisch oder überholt an, aber ich empfinde mich als das Sprachrohr des Dichters; das setzt voraus, den Duktus des Autors anzunehmen. Dazu muss man, denke ich, als Schauspieler bereit sein.

Gibt es Wunschrollen?

Minetti: Ich bin hoffnungslos altmodisch, weil ich mich gern überraschen lasse. Aber es gab einen absoluten Wunsch: "Am Ziel". Und der wurde mir erfüllt. In Frankfurt inszeniert Jan Bosse mit Marina Galic, Jens Harzer und mir das Stück von Thomas Bernhard. Meine Wunschrollen, die ich so in der Jugend hatte, sind nicht in Erfüllung gegangen.

Und die waren?

Minetti: Elektra und Natalie.

Natalie im "Prinz von Homburg". Warum ausgerechnet die?

Minetti: Kleist war schon immer mein absoluter Liebling unter den deutschen Dichtern. Und Natalie liebte ich sowohl wegen ihrer absoluten Hingabe als auch für das Kämpferische ihres Wesens. Eine Idealfrau.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

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