Hingehauchte Wangenküsschen

München - Shah Rukh Khan ist der beliebteste Star des Bollywood-Kinos. Auf der Berlinale stellte er jetzt ­ von Fans umlagert ­ seinen Film "Om Shanti Om" vor und gab ein Interview.

Möglicherweise wird im Augenblick niemand so verehrt wie er. Der Papst vielleicht. Aber der dürfte, bei allem gebührenden Respekt, weniger gut tanzen können als Bollywood-Star Shah Rukh Khan. Als Schauspieler dürften sie ähnlich talentiert sein, denn man kann Shah Rukh Khan vieles unterstellen, profunde darstellerische Fähigkeiten gehören nicht dazu. Das bekennt der 42-Jährige auch ganz unumwunden bei seinem Berlinale-Besuch: "Mehr als fünf unterschiedliche Gesichtsausdrücke habe ich bisher in keiner Rolle gezeigt." Was ihn aber nicht weiter bekümmert. "Die meisten Kollegen besitzen nur zwei verschiedene Gesichter. Da bin ich noch ganz gut dran."

Schon auf den ersten Blick ist Khan die absolute Ausnahme in der indischen Filmmaschine. Er ist zu klein, die Nase zu dick. Aber er besitzt einen jungenhaften Charme, gibt sich souverän und lässig und vor allem erfrischend selbstironisch für einen Superstar. Abgesehen davon scheint seine Toleranz keine Grenzen zu kennen: Das Gehör gefährdende Gekreische seiner Fans vor dem Premierenkino lässt er ebenso freundlich lächelnd über sich ergehen wie die scheu hingehauchten Wangenküsschen mancher Verehrerinnen.

Im Gegensatz zu all den in Bollywood dominanten Dutts und Kapoors stammt Khan aus keiner der einschlägigen Dynastien, auch wenn sein Nachname zu den geläufigeren zählt in Indien. Dafür taugt seine eigene Biografie trefflich zur Verfilmung: Früh verwaister Sohn muslimischer Einwanderer aus Pakistan kommt über die Hintertreppe diverser Theatergruppen in Delhi zum Fernsehen. Dort spielt Khan mäßig erfolgreich in einigen Serien mit, bis ihm, und das ist eine Sensation, der Sprung nach Bollywood gelingt. Denn das in Indien hermetisch abgeriegelte System der Filmindustrie erweist sich normalerweise als undurchlässig für TV-Stars und -Sternchen. Zuerst besetzte man Khan, der dem Ideal des Bollywood-Helden absolut nicht entspricht, ausschließlich als Bösewicht vom Dienst. In "Darr" spielte er 1993 einen Psychopathen mit einer Obsession für eine verheiratete Frau ­ und wurde durch sein Spiel zum eigentlichen Publikumsliebling des Films.

Der Durchbruch als romantischer Liebhaber gelang ihm zwei Jahre später mit "Dilwale Dulhania Le Jayenge", von Kennern zu "DDLJ" verkürzt. Der Titel lässt sich mit "Der Mutige bekommt die Braut" treffend übersetzen. In den sich anschließenden Spielfilmen der letzten 13 Jahre hat sich ein festes Rollenbild ausgeprägt. Die von SRK ­ wie ihn die Massen vorwiegend weiblicher Fans nennen ­ gespielten Figuren sind immer ein bisschen unsicher, nie von Anfang an frei von Fehl und Tadel. Sie sind ein bisschen frech, aber nie zu sehr. Schwiegermuttis Traum eben. Und zwar weltweit. Sofern es die Filme, ausnahmslos die mit viel Tanz- und Gesangseinlagen versehene Curry-Variante der deutschen Rosamunde-Pilcher-Seligkeit, zulassen, weint der Held auch gerne. Dann legt er den Kopf ein wenig schief und zeigt Gefühl.

In "Om Shanti Om", dem neuen, kunterbunten Bollywood-Spektakel, das SRK auf der Berlinale vorstellte, sieht man ihn sogar so oft wie nie mit nacktem Oberkörper oder im nassen weißen Hemd. Erschütternd viel Sexappeal für einen, der sich inzwischen allmählich zu alt hält für den Liebhaber vom Dienst: "Ich habe diesmal drei Monate hart gearbeitet, um mir diesen Oberkörper anzutrainieren. Danach sah ich zwar jugendlicher aus als mein Sohn, aber ich möchte mich nicht ständig dieser Tortur unterziehen müssen." Deswegen hat sich Khan inzwischen ein Standbein fernab des Heldentums geschaffen: Er produziert seine Filme selbst ­ und gibt den Günther Jauch in der indischen Variante von "Wer wird Millionär". Die Frauenherzen rund um den Erdball fliegen ihm zu, egal ob er mit dem Kopf wackelt, Fragen vorliest oder eine seiner Tanzeinlagen bietet. Doch Khan hat eine Erklärung parat: "Ich bin einfach der Knopf für diese Frauen. Der Knopf, den sie drücken können, um einmal ungestraft weinen zu dürfen."

Milliarden SRK-Fans soll es geben. In Deutschland dürften es noch nicht ganz so viele sein. Doch die haben sich anscheinend in Berlin versammelt, um ihr Idol einmal aus der Nähe zu begutachten. Die Karten für die Vorstellung waren innerhalb von sieben Minuten ausverkauft. Bei seinen deutschen Fans hat King Khan interessante Erfahrungen gemacht: "Als ich in Berlin ankam, empfing mich eine riesige Schar von Frauen, die Autogramme wollten. Während ich die geschrieben habe, versuchte ich immer, mit den Damen ein bisschen zu plaudern. Ob sie den neuen Film schon gesehen haben, ob sie in Berlin leben oder in der Nähe. Ich habe erzählt, wie oft ich schon in Deutschland war oder ähnliche Dinge. Aber die Frauen lächelten mich immer nur an und haben gar nicht reagiert. Das hat mich unglaublich berührt: Da gibt es Leute, die mögen dich, obwohl sie gar nicht verstehen, was du sagst! Das werde ich meiner Frau erzählen müssen."

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