Hinrichtung aus Liebe

- Am Schluss ein Schuss. Gezielt in den Kopf. Und was im Fernsehen - hundertfach und alltäglich zu sehen - so ziemlich kalt lässt: Auf dem Theater spielt der Tod eine ganz andere Rolle. Die, die ihm gebührt. Er erschreckt, berührt, greift an, schockiert. Auch die coolen, die abgebrühten Typen. In der Schauburg, dem Münchner Theater der Jugend (TdJ), ist das gerade exemplarisch zu erleben. Eine Hinrichtung aus Liebe, der Gnadentod für den Schwachen durch den Starken.

Die dramatisierte Fassung des 1937 erschienenen Romans "Von Mäusen und Menschen" von Nobelpreisträger John Steinbeck (1902-1968) hatte jetzt in der Regie Beat Fähs Premiere. Eine Aufführung, die zu Diskussionen führen dürfte und sollte - über Versprechen und Verbrechen, über Mord und Moral.

Der Amerikaner Steinbeck erzählt mit starkem gesellschaftskritischen Akzent von zwei Freunden, Wanderarbeitern, die von Farm zu Farm ziehen, immer auf der untersten sozialen Stufe, ausgeliefert der gnadenlosen Ausbeutung in Wildwest. Ein ungleiches Paar. Intelligent der eine, George. Geistig zurückgeblieben, einfältig, jedoch körperlich bärenstark der andere, Lennie - mit der Sehnsucht nach allem Weichen, Zarten. Ein Junge, der seine Kraft nicht zügeln kann und dabei schnell mal eine Maus, einen kleinen Hund, eine schöne Frau erdrückt.

Zwei Männer, die sich gegenseitig brauchen: der eine, um beschützt zu werden; der andere, um zu beschützen. Und so wie George erlebt, dass auf der Farm dem kranken Hund des alten Candy der Gnadenschuss verpasst wird und der ausrangierte Arbeiter damit sein Liebstes verliert, so vollzieht er am Ende selbst die Hinrichtung Lennies - als es nach dem Mord an der Farmersfrau kein Entrinnen mehr für den Freund gibt.

"Von Mäusen und Menschen" ist in der Inszenierung Beat Fähs eine schnörkellose, klare Aufführung in dem ästhetisch sehr überzeugenden Bühnenbild - ein über die ganze Szene gezogenes Brettertor. Manches wünschte man sich in der Personenführung vielschichtiger. Das würde die teilweise steifen Dialogszenen lockern. Und Oliver Bürgin hätte für seine äußerst schwierige Rolle des George dringend mehr Hilfe durch den Regisseur benötigt, um die Widersprüchlichkeit der Figur, die Fragwürdigkeit ihres Tuns und ihre Zerrissenheit noch differenzierter zu zeigen. Dass George sich am Ende die Mütze des erschossenen Freundes aufsetzt, ist eine schöne Geste der Liebe und Treue. Die gegenüber diesem Lennie aber auch nur zu verständlich ist.

Fesselndes Charakterbild

Zwar mag man in der Darstellung durch Hussam Nimr kaum seine gefährliche Stärke glauben. Zwar wird durch die Besetzung mit dem eher kleinen, zarten Nimr auf den Konflikt zwischen dem robusten Körper und der zarten Seele verzichtet. Doch bietet der Schauspieler dafür etwas anderes: das fesselnde und anrührende Charakterbild eines Menschen, der im Denken und Empfinden im Zustand eines Kleinkindes verharrt. Unverstellt spiegeln sich in seinem Gesicht und seiner vorsichtigen Gestik Angst, Freude, Hoffnung, Übermut und Sorge und eine infantile, schutzbedürftige Nachdenklichkeit. Hussam Nimr ist das Herz dieser Aufführung.

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