Hinter den "Ariodante"-Kulissen: Gummibärchen aus dem Plastik-Pokal

München - Gut 2000 Menschen lassen sich allabendlich vom Live-Erlebnis Oper im Münchner Nationaltheater verzaubern. Doch wie arbeiten die Magier hinter und neben der Bühne? Ein Blick hinter die Kulissen von Händels "Ariodante" ­ von jener Produktion, die morgen letztmals hier zu sehen ist und vorige Woche spektakuläre Absagen zu verkraften hatte.

16.50 Uhr. "Nanu Bettina, heut' im anderen Kostüm?" Ein Flachs. Denn Bettina Göschl, Abendspielleiterin und damit Garantin dafür, dass die Ideen von Regisseur David Alden erhalten bleiben, ist heute in Zivil. Sie gilt als Retterin dieser Vorstellungsserie. Am 6. Januar musste sie im Kostüm des Titelhelden stumm spielend auf die Bühne, während eine Einspringerin aus dem Graben sang ­ der Star Vesselina Kasarova lag mit Noro-Virus darnieder. Am 10.1. Ähnliches: Göschl ersetzte die erkrankte Dalinda-Solistin, der Ton kam ebenfalls von unten. "Große Nervosität" habe sie anfangs gehabt, sagt Bettina Göschl jetzt. Irgendwann sei sie "von totaler Mattigkeit" befallen worden. "Ich scheuche lieber Kollegen." An ihrem Blazer wird ein Mikrofon befestigt, wieder muss sie raus ­ um Amanda Forsythe als neue Dalinda anzusagen. Und um dem aufatmenden Publikum von Kasarovas Genesung zu künden.

16.59 Uhr. Das Ballett probt kurz die eröffnende Choreographie. In den rechten Seitengassen wird es eng ­ die Sänger drängen herein. Vesselina Kasarova wird freudig begrüßt.

17.06 Uhr. Das weißliche Arbeitslicht erlischt, Applaus rauscht auf, Dirigent Christopher Moulds betritt den Graben. "Die Vorstellung beginnt", teilt Inspizientin Ruth Wieman über Mikro mit. Seit gut 40 Minuten ist sie da, im Grunde eine Ko-Dirigentin, die dafür sorgt, dass Solisten, Ballett und Statisterie rechtzeitig eintreffen. Zwei Minuten vor ihrem Auftritt werden die Damen-Solisten aufgerufen, drei Minuten zuvor die Männer. Was weniger mit geschlechtsspezifischer Langsamkeit zu tun hat, sondern mit dem Haus: Die Damen-Garderoben sind auf selber Höhe wie die Bühne, die der Herren einen Stock weiter oben. Wiemans Pult rechts neben der Bühne ist das Cockpit der Aufführung. Darauf eine verwirrende Anzahl von Knöpfen, darüber drei Monitore: links der Dirigent im Bild, in der Mitte die Bühnentotale, rechts ein Infrarotbild der Totale, um bei dunkler Szene alles zu erkennen. Hinter Ruth Wieman klebt eine Zeitungsschlagzeile: "Wer soll das alles sauber machen?"

17.36 Uhr. Ruth Wieman schnappt sich eine Taschenlampe und ihren Klavierauszug. Es ist die Bibel der Produktion, auf zusätzlich eingebundenen Seiten sind Gänge und Verwandlungen mit Bleistift notiert. In einer dunklen Seitengasse steht das Ballett. Wieman hebt den Arm, wartet einen Moment, damit den entscheidenden Takt ab und schickt alle mit "Und bitte" auf die Szene. Doch nicht nur wegen ihrer Funktion ist Wieman so wichtig, auch wegen des goldenen Plastik-Pokals auf ihrem Pult. Darin locken Gummibärchen. Statisten, Ballettmitglieder, Techniker, sogar manche Solisten greifen hinein: Nervennahrung.

18.04 Uhr. Die erste Panne. Ein Kerzen-Leuchter verhakt sich in einem Decken-Lüster, der nach oben gefahren wird. "Wer kann helfen?", fordert Bettina Göschl knapp. Der Lüster bleibt auf einem Meter Höhe, ein Tänzer greift sich auf offener Bühne den Leuchter, wie nebenbei, als ob's zur Regie gehört.

18.12 Uhr. Das Arbeitslicht flammt auf. Applaus, der gedämpft durch den geschlossenen Vorhang dringt. Pause. "Bravo, great!", lobt Göschl. Ein Prospekt mit Berglandschaft vor Dämmerhimmel fährt nach unten. Techniker rücken Scheinwerfer, die Barockkuppel des Bühnenbilds wird tiefer gehängt. Ein Feuerwehrmann bekommt ein "Hey Django, grias di" zu hören. Nach 20 Minuten ist der Umbau vorbei: "Ariodante" ist eine der weniger komplizierten Produktionen. Bettina Göschl nimmt Amanda Forsythe am Arm und geleitet sie über die Bühne: "Your entrance is from here." Letzte Regie-Einweisungen für die Einspringerin, die erst tags zuvor um elf Uhr aus Boston angekommen ist.

18.40 Uhr. Paul Nilon, der den Lurcanio singt, und Vesselina Kasarova klettern auf die Barockkuppel. "Da kann nix passieren", meint Rudolf Reithmayr von der Technik. Die Kuppel ist an mehreren Punkten aufgehängt, die Sänger nehmen die Turnübung entsprechend gelassen. "Der zweite Teil beginnt", spricht Ruth Wiemann ins Mikro. Die Gummibärchen sind aufgebraucht, ihr Pokal offeriert nun Fruchtgummis.

19.02 Uhr. Vesselina Kasarova rutscht während der großen "Scherza infida"-Arie etwas zu schnell von der Kuppel. "Jetzt macht sie den ganzen Weg auf einmal, das ist ja langweilig", kommentiert Bettina Göschl. Bald ist nur noch das Gebläse eines Scheinwerfers zu hören ­ und Kasarovas Gesang. Der Zauber senkt sich sogar auf die Seitenbühne herab, wo das ständige Wispern verstummt.

19.15 Uhr. "Achtung, Stuhl!", warnt Ruth Wieman. Sekunden später rumpelt ein Möbel vorbei, "wütend" vom Solisten nach rechts gepfeffert. Von einer Panne am Beginn des zweiten Akts hat hier kaum einer was mitbekommen: ein kurzer Stromausfall. Alle Scheinwerfer hatten keinen Saft und mussten "von Hand gezündet werden", wie es Rudolf Reithmayr formuliert.

19.40 Uhr. Polternd werden Äpfel aus den Seitengassen auf die Bühne gekegelt. Ein wütender Tanz mit Frischobst entbrennt. Bettina Göschl zieht hörbar Luft ein, Ruth Wieman interessiert anderes: "Bisher ist jedes Mal einer im Graben gelandet. Und heute?" Pause, Arbeitslicht.

19.50 Uhr. Bühnenplatten werden angehoben und schräg gestellt. Der nun "zerstörte" Boden soll die desolate Situation am Hofe des schottischen Königs widerspiegeln. Was mit der Zeit allerdings immer schwieriger geworden ist: Das einstmals blanke Spiegelparkett ist stumpf, Rutschspuren und Fußabdrücke konnten auch durch intensives Putzen nicht entfernt werden. Jahrelang ist dieser "Ariodante" zwischen dem Ursprungsort der Produktion, der English National Opera in London, und München hin und her verfrachtet worden. Überdies gab's noch ein Gastspiel in Tokio. Immer wieder mussten die Dekorationen ausgebessert werden, die Produktion verlässt nun München endgültig ­ und dürfte in London mit ein paar Vorstellungen ihr Gnadenbrot bekommen.

20.21 Uhr. Vesselina Kasarova lässt sich zwischen hölzernen Schrauben, die Wellen symbolisieren, nieder. "Christian, drehen!", ruft Ruth Wieman einem Statisten zu. "Der Vorhang geht auf!"

20.30 Uhr. Während Kasarovas Arie werden wieder die Spiegelwände heruntergelassen. Dahinter wird nun vorsichtig, aber vernehmlich gehämmert. Die ständigen Gespräche am und ums Inspizientenpult bekommt der Zuschauer dagegen nicht mit. Eigentlich ein Wunder.

20.35 Uhr. Es klappert. Paul Nilon stakst in Rüstung durch die Bühnentür. Anfangs brummt er den Orchesterbass mit, irgendwann singt er leise "Fremd-Koloraturen" ­ es sind die seiner gerade aktiven Kollegin Joan Rodgers.

20.49 Uhr. Sonia Prina, als Kämpfer Polinesso nun ebenfalls in Rüstung, kommt aus der Garderobe. Immer wieder klappt das Visier ihres Helms herunter, was sie amüsiert, Bettina Göschl weniger: "Das sollte oben bleiben!" Und dann nach kurzer Überlegung: "Klebeband. Haben wir Klebeband?" Ein kurzer Griff unters Inspizientenpult, tatsächlich findet sich eine Rolle grauer Tesa. Sonia Prina darf nach kleiner Reparaturmaßnahme auf die Szene.

21.05 Uhr. Die Aufführung neigt sich dem Ende zu. Die Fruchtgummis sind längst aus, auch wenn's ein Statist ("Ach, komm!") nicht glauben mag. Bettina Göschl schnippt mit den Fingern Ariodantes und Ginevras Duett mit und hustet leise: "Irgendjemand hat mich angesteckt, das nächste Mal werd' eben ich mal krank."

21.18 Uhr. Heftiger Applaus dringt auf die Bühne. Vorhang, Umarmung der Solisten. Die sonst gelassene Bettina Göschl wird hektisch. "Vorhang! Vorhang!", ruft sie Ruth Wieman zu, die mit kleinem Joystick Hunderte Kilo Samt zur Seite und wieder zusammenwehen lassen kann. "Vor, vor!", bekommen die Solisten zu hören. "Vessi, Brava! Grande Vessi!", lobt Sonia Prina lächelnd. Bettina Göschl hat ihr Fazit längst auf einem Din-A4-Bogen, dem Vorstellungsbericht notiert: "Sehr schöne Vorstellung. Gute Umbauten. Dank an alle."

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