Hinter Backsteinen ein Stück Paradies

- Muss alles plausibel sein? Müssen wir im Mythologie-Handbuch nachschlagen, wenn Jupiter, Juno, Venus usw. sich auf der Bühne eifersüchtig-liebend zausen? Ovid noch mal lesen, wenn ein Liederabend "Metamorphosen" getitelt ist? Nicht bei Franz Wittenbrink. Sein jüngster Schaffensakt für die Münchner Kammerspiele vernetzt, in frechem Zeitensprung, Ovid'sche heiße Olymp-Affären mit den Storys der Neuzeit-"Troubadoure", von den Beatles bis David Bowie, von Elvis bis Freddie Mercury.

<P>Wittenbrink schafft seine eigenen "Verwandlungen": menschelnd scherzhafte, sind ja schon beim römischen Mythensammler Ovid die Götter recht irdisch geraten; auch rauschhafte - denn alles ist Musik. Monteverdi, Purcell, Bach, Mozart. </P><P>Volkslieder, Opern-Duette, Balladen, Wittenbrink-Komponiertes. Und am Flügel vorn er selbst aufmerksam gespannt, mit Blicken noch dirigierend, neben ihm Lothar Müller, der seiner Gitarre jeglichen süßen und sehnend singenden Klang entlockt. Hinten an der bühnenhohen kalkgrauen Backsteinmauer (Alfred Peters geschlossene Welt der Liebessüchtigen & Abgedrehten), in deren Türausschnitt auch mal ein grün und unschuldig wucherndes Stück Paradies sichtbar wird, hockt mahnend altersweise die sibyllinische Pennerin Christa Berndl -</P><P> das ist die, die immer wieder den gewissen Apfel anbietet . . . Aber da singen gleich die positiv jungen "West Side Story"-Lover: "Some place, somewhere." Und schon ist "sweet Maria" durch eine böse zuschlagende Tür in den Hades entschwunden, und Orpheus, gerade doch noch "tender Tony"!, klagt nun mit Gluck über seine verlorene Eurydike.</P><P>So metamorphosisch geht das immer zu bei Wittenbrink und Stephanie Mohr (Co-Regie). Rollkragen-Jupiter Joachim Nimtz, ganz Kraftorgan aus Herrscherbrust und darin urkomisch, lässt seine Seitensprung-Daphne hinter wolkig weitem Mantel verschwinden, und prompt schießt ein Lorbeerbäumchen aus den Bühnenbrettern. Worauf sich bald die giftig grüne Juno-Gattin ein Weill/Brecht-Eifersuchtsduett liefert mit einem weiteren Jupiter-Gspusi. Leichte Götter-Beziehungsverwirrung bei all den gleitenden Metamorphosen (und Doppel/Dreifachrollen). Macht nix.</P><P>Anna Therese Brenner und Katharina Schubert haben Gold und Silber in der Kehle, bis hinein in die Parodie. Überhaupt, sie spielen nicht nur alle hinreißend, sie können, genau abgestimmt auf ihren dargestellten Typ (exquisit betont durch Kathi Maurers Kostüme), wirklich singen: Tanja Schleiff, die kesse Teenie-Diana, glockenhell im Jagdlied oder androgynes Powergirl im Nina-Hagen-Song. Paul Herwig, der aus gefrustet matter Pygmalion-Seele einen Dean Martin hervorseufzt. Lorenz Nufer, der mit Udo Lindenberg am eigenen schönen Leptosomer-Body und Narziss-Dasein dahinschmachtet.</P><P>Stefan Merki, eine kleine geballte Kraft von Merkur, dem Brechts Schlüpfrigkeiten so gut über die Zunge rutschen wie der fettnasale US-Akzent. Und Stephan Zinner, der "Bacchus vom Stachus". Ach nein, das wär' zu wenig für diesen Rapper- und Rock-King, die Stimme jazzig rau röhrend und obendrein eine unverschämte Portion Charisma.</P><P>Natürlich ist alles auch ein bisschen eine Talente-Show (Eurovisionswettbewerb für die Crew - ein Kinderspiel). Aber ist doch toll, dass die Schauspieler sich mal ganz anders ausloten können. Das kommt danach auch der klassischen Theaterarbeit zugute. Und natürlich könnte man beckmessern, dass Wittenbrink wieder das gleiche Schnittmuster anlegt. Tun andere auch. Die meisten.<BR>Aber Wittenbrink (und das ist selten) nimmt einen mit durch so viele Stimmungen und Gefühle, vom romantischen Schumann-Sehnen und erinnertem eigenen Vergeblich-Schmachten über die rasend komisch-schöne 50er-Jahre-Schlager-Nostalgie und zurück zur poetischen Melancholie Ovids, aus dem die Berndl am Ende noch mal zitiert: "Alles verändert sich nur, nichts stirbt . . . Unter dem selbigen Bild - so glaub ich - beharrt auf die Dauer Nichts in der Welt."</P><P> </P>

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