Hinter den Gittern der Freiheit

- München - Er scheint in sich zu ruhen. Doch der Schein trügt. Noch immer befindet sich Dimitri Todorov auf der Suche, der Suche nach dem Boden. "Der Überbau ist geblieben", sagt Deutschlands erster Geiselnehmer. Den Boden hat er verloren, im Knast. Und als er ihn endlich unter den Füßen zu spüren beginnt, kommt seine Entlassung. Jetzt sucht er den Boden in Freiheit. Und Tag für Tag findet der 56-Jährige ein wenig mehr davon.

<P>"Das Leben ist für mich schöner geworden", sagt er heute. Doch noch immer lässt ihn der Knast nicht los. "Anscheinend bin ich weder drinnen noch draußen zu Hause", schreibt er in in seiner Biografie "22 Jahre Knast", aus der er am 7. Juli in München liest.</P><P>1971 stürmt Dimitri Todorov die Deutsche Bank</P><P>Dimitri Todorov blickt auf insgesamt 30 Jahre Gefängnis zurück, davon 22 ohne Unterbrechung. Er hat niemanden getötet oder verletzt. Aber er hat ein Verbrechen begangen - zur falschen Zeit am falschen Ort. Mit seinem Namen verbindet sich der erste Banküberfall mit Geiselnahme in Deutschland: Am 4. August 1971 stürmen der damals 24-Jährige und sein 31-jähriger Kumpel Hans-Georg Rammelmayr maskiert und bewaffnet die Filiale der Deutschen Bank an der Prinzregentenstraße in München. Sie nehmen mehrere Geiseln und fordern zwei Millionen Mark sowie ein Fluchtauto.</P><P>Stundenlang harren die beiden in der Bank aus, während Polizeipräsident Manfred Schreiber und Ministerpräsident Franz Josef Strauß draußen ein Szenario vorbereiten, an das Todorov nicht im Entferntesten gedacht haben will. "Ich kam gar nicht auf die Idee, dass es Tote geben könnte." Als Rammelmayr mit der 20-jährigen Geisel Ingrid Reppel zum Fluchtauto geht, töten Scharfschützen den 31-Jährigen unter Bravo-Rufen einer gaffenden Menge. Rammelmayr erschießt im Todeskampf die Geisel.</P><P>Dann stürmt die Polizei die Filiale. Die Beamten schießen, Todorov schießt. In seinem Buch schreibt der Geiselnehmer, er habe nie auf einen Menschen gezielt. Doch im Prozess glaubt ihm das niemand. Am 13. Oktober 1972 verurteilt ihn ein Münchner Gericht unter anderem wegen versuchten Mordes zu lebenslanger Haft.</P><P>Auf der Verhandlung lastet der Schatten des Anschlags palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympia-Mannschaft am 5. September 1972 in München, bei dem elf Sportler, ein Polizist und fünf Männer des Killer-Kommandos sterben. Wieder ein Desaster und Fehlentscheidungen der Einsatzkräfte - als hätte es die Geiselnahme in der Prinzregentenstraße nicht gegeben.</P><P>Fast 22 Jahre hat Todorov verbüßt, als er zum Jahreswechsel 1992/93 das Gefängnis verlässt. Zuvor hatte der Autoknacker schon als Jugendlicher gesessen. Als er endlich in Freiheit leben könnte, lässt er sich 1995 von einem früheren Knastkumpel dazu überreden, 300 Gramm Kokain nach Salzburg zu bringen. Wieder muss Todorov ins Gefängnis. Heute lebt er im Stadtteil Giesing, zusammen mit seinem Lebensgefährten, dem New Yorker Popsänger Jade Jaguar, der ihn bei der Lesung erstmals musikalisch begleitet.</P><P>Lange hat es gedauert, bevor die Kumpel aus dem Knast neuen Bekannten gewichen sind. Und einfach fällt Todorov der Umgang mit Menschen, die das "Drinnen" nicht kennen, noch immer nicht. "Mir wird schnell alles zu viel", sagt er. Seine Belastungsfähigkeit sei "begrenzt". Länger als zwei Stunden könne er sich nicht unterhalten.</P><P>Jahrelang hat Todorov in Einzelhaft gelebt. Selbst auferlegt. Er verweigerte die Arbeit, wollte lieber in seiner Zelle lernen. "Die meisten bleiben in ihrer Entwicklung stehen im Knast." Er nicht. Seinem nachgemachten Abitur lässt er ein Soziologiestudium folgen. Heute hält er sich als Deutschlehrer für große Computerfirmen über Wasser. Weitere Arbeitgeber zu finden, fällt Todorov schwer, als Referenz "kann ich nur mein Buch und Zeitungsartikel vorlegen".</P><P>Nach seiner Autobiografie hat er Drehbücher geschrieben. Von Gangstern handelt sein Stoff. Doch verkaufen lassen sich die Werke nicht. "Die Geschichten kamen gut an", sagt Todorov, "das Problem ist, dass sie veraltet sind." </P><P>"Das Lebenslänglich<BR>bestimmt mein Fühlen"</P><P>Das Gefühl, in der Vergangenheit zu leben, kennt Todorov auch in anderen Bereichen, im Verhältnis zu seiner Mutter etwa. All die Jahre hatte sie ihn regelmäßig im Gefängnis besucht. "Als ich dann rauskam, war ich für sie noch der Bub von damals." Ein normaler Abnabelungsprozess hatte nicht stattgefunden. Lange habe es gedauert, bis ihm seine Mutter ein eigenständiges Leben zugetraut habe. "Jetzt ist unser Verhältnis toll."</P><P>In seinem Buch schreibt Todorov: "Mein Fühlen und Denken, mein Alltag werden durch das Lebenslänglich mitbestimmt." Jahrelang hat er die Welt nur mit dem Finger im Atlas bereist. Nur durch Fotos, Erzählungen und Bücher entdeckt. Jetzt läuft er mit offenen Augen durch die Gegend. Saugt in sich auf, was er sieht, riecht und spürt. "Die Welt ist für mich bunter geworden." Trotzdem bleibt der Knast allgegenwärtig. Das zeigt sich im Gespräch, wenn er heim will und versehentlich sagt: "Ich gehe zurück in meine Zelle."</P><P>Dimitri Todorov: "22 Jahre Knast - Autobiografie eines Lebenslänglichen", Knaur-Verlag; Lesung am 7. Juli, 20 Uhr im Club Voltaire, Fraunhofer-Theater.<BR></P>

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