Hinter der glatten Oberfläche

- Gut zwei Wochen ist es her, da hat man ihn während der Filmfestspiele in Venedig zum letzten Mal in der Öffentlichkeit gesehen: einen gebrechlichen alten Herrn, der seit einem Schlaganfall 1986 halbseitig gelähmt ist, sich nur noch mühsam bewegen und nicht mehr sprechen kann. Umso mehr ist der unbezwingbare Wille dieses Mannes zu bewundern, der sich durch schwerste Krankheit nicht von dem abhalten lässt, was sein Leben ausmacht: Filme drehen. Denn Michelangelo Antonioni, der an diesem Sonntag 90 Jahre alt wird, arbeitet bereits wieder an einem neuen Werk, "Eros", der im nächsten Frühjahr fertig gestellt sein soll.

<P>Der Gutsbesitzerssohn aus Ferrara zog 1939 nach Rom, schrieb dort Filmkritiken für die Filmzeitschrift "Cinema", die von der faschistischen Regierung mitfinanziert wurde. Trotzdem standen viele Redakteure der Widerstandsbewegung nahe. "Cinema" forderte ein politisch und sozial engagiertes Kino, und aus diesen Thesen ging schließlich der italienische Neorealismus mit Vertretern wie Rossellini, De Sica und Visconti hervor. So stehen auch die ersten kurzen Streifen, die Antonioni selbst inszeniert, ganz im Geiste des Neorealismus, etwa "Gente del Po", ein Dokumentarfilm über die Arbeiter und die Landschaft der Po-Ebene.</P><P>Doch im Gegensatz zu seinen früheren Gesinnungsgenossen wendet sich Antonioni bereits Ende der Vierzigerjahre zunehmend von den "Cinema"-Forderungen ab. Er will Kino nicht als Träger irgendeiner politischen Auffassung sehen, sondern die Poetik des Films ins Zentrum seiner Arbeit stellen: Nicht das Kino befindet sich im Dienste der Realität, sondern die Realität im Dienste des Kinos.</P><P>Bereits in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm "Chronik einer Liebe" von 1950 wird diese Ablösung vom Neorealismus sowie von der konventionellen Erzähltechnik sichtbar. Der Film beginnt als klassische Detektivgeschichte, die sich jedoch allmählich immer weiter auflöst, bis schließlich die Auflösung des Falles eigentlich nur noch eine Marginalie ist. Diesem Gestaltungsprinzip wird Antonioni treu bleiben: Seine Filme, egal ob etwa "Der Schrei" (1957), "Die Nacht" (1960) oder "Liebe 1962" konzentrieren sich vor allem auf das durchaus komplizierte Innenleben ihrer Personen. Auf sie überträgt Antonioni sämtliche Widersprüche und Spannungen der Umwelt.</P><P>Seine Wirklichkeit ist im Gegensatz zu den Neorealisten eine Art "innerer Realismus". Oder, wie es Regie-Kollege Wim Wenders formulierte: "Unter seinen Augen gerät wirklich jede Kopfbewegung, jede Geste, jede Kamerabewegung zu etwas Notwendigem, Unabänderlichem, Unverwechselbaren." Antonioni geht davon aus, dass das Entscheidende sich immer hinter einer glatten Oberfläche verbirgt, und um eben dieses Unsichtbare doch sichtbar zu machen, sind die Gegenstände, Gebäude und Landschaften immer ein Indikator für das momentane Innenleben seiner Figuren. Die befinden sich meistens in einem Zustand der geistigen Lähmung, auch die sie umgebenden Verhältnisse sind längst erstarrt.</P><P>Die Hauptfiguren seiner bekanntesten Filme stehen vor dem Problem, sich in einer Welt zurechtfinden zu müssen, die keine eindeutigen Wahrheiten mehr kennt, wie etwa in "Zabriskie Point" (1969). Sie stellen sich selbst und ihre Wahrnehmung in Frage wie zum Beispiel der Fotograf Thomas (David Hemmings) in "Blow Up" von1966, Antonionis bis heute bekanntestem Film, einzigem Oscar-Erfolg und einzigem echten Kassenschlager.</P><P>In der letzten Konsequenz bleibt Antonionis Helden kein anderer Ausweg, als das alte Leben radikal über Bord zu werfen und sich eine völlig neue Identität zuzulegen, so zum Beispiel Jack Nicholson in "Beruf: Reporter" (1973), der sich als Berichterstatter in Afrika als Waffenhändler ausgibt und dadurch endlich zu sich selbst finden will. Für Antonioni stand nie die Geschichte eines Films alleine im Mittelpunkt, und man mag nicht überlegen, was er sich wohl über die leicht konsumierbare Hollywood-Dutzendware von heute denkt, in der außer einem passablen Spannungsbogen nicht viel Positives zu vermerken ist. Mindestens ebenso wichtig war es ihm, die Erfahrungen seiner Figuren mit einer ganz eigenen Sprache und Ästhetik erfahrbar zu machen.</P><P>Filme für die Masse waren Antonionis Arbeiten nie, aber sie loteten sämtliche Möglichkeiten des Mediums aus, so dass seine immense Bedeutung und seine künstlerische Ausnahmestellung schon nach wenigen Werken außer Frage standen. Mit seinen stilistisch stets herausragenden Produktionen wollte er alle Sinne der Zuschauer ansprechen, und sich darauf einzulassen, ist heute auch noch nach mehrmaligem Sehen ein intellektuelles und kulinarisches Vergnügen. <BR>Antonionis Werke konzentrieren sich auf das komplizierte Innenleben ihrer Figuren, hier Jeanne Moreau und Marcello Mastroianni in "Die Nacht".<BR><BR></P>

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