Hinter dem Klangschleier

- Die Version ist 35 Jahre alt, bedeutet fürs Stück indes einen Rückschritt: Da mühen sich die Gurus der Alten Musik, barocke Dramatik von der Patina romantisierender Deutungen zu befreien - und Komponist Bruno Maderna zielt aufs Gegenteil, ummäntelt Monteverdis "Orfeo" mit den Klangschichten seiner Neufassung. Ein Experiment, das in der heutigen Interpretationsmode kaum Chancen hat, das aber BR-Chor, sieben Solisten, Münchner Rundfunkorchester und Dirigent Steven Sloane nun mit einer respektablen konzertanten Anstrengung vor dem Vergessen bewahrten (Gasteig).

Maderna machte sich einen Mangel zunutze: Es gibt keine genau notierte Partitur der Oper mit exakten Instrumentationen. "Orfeo" bietet also ebenso Raum für Ivor Boltons puristisch-karge Deutung (im Prinzregententheater) wie für René´ Jacobs üppige Salzburger Großtat. Maderna reklamierte für sich eine "Interpretation" Monteverdis, Ergebnis ist aber eine Art Übermalung der Partitur, verbunden mit dynamischer Weitung und harmonischer (Ver-)Schärfung. Und all das, wie paradox, rückt den "Orfeo" eher von uns weg, wie hinter einen Schleier aus spätexpressiven Klängen, verankert das Meisterwerk in den 60er-Jahren - obwohl es doch zeitlose Genialität birgt.<BR><BR>Steven Sloane hatte das Ensemble weitgehend mit Madernas Eigenheiten vertraut gemacht. Ein Konzert, das wieder die Vielseitigkeit des Rundfunkorchesters eindrucksvoll vor Ohren führte. Dass manches neutral bis klebrig-behäbig tönte, ist eher Maderna anzulasten. Dort allerdings, wo sich der Charakter eines aufregend neuen Stücks eröffnete, wo der neobarocke Gestus zurückgedrängt wurde (Klage Orfeos im vierten Akt), erreichte die Aufführung ihre größte Dichte.<BR><BR>William Dazeley (Orfeo) verließ hier die Pose des gepflegten Schöngesangs, gewann seinem schmiegsamen Bariton mehr Farben ab. Veronica Cangemi (Euridice/Musica) und Mark Tucker (Hirt/Apollo) hatten schon zuvor lebhafte Dramatik beschert, Anna Bonitatibus (u.a. Speranza/Proserpina) ließ aufhorchen durch starke, nach innen gerichtete Intensität. Matter Beifall - dann doch lieber das Original?<BR>

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