Hinter den Sprachmasken

Kammerspiele: Regisseur Jossi Wieler über Elfriede Jelineks neues Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“

Das Fest ist vorbei, zurück bleiben die Dienstboten und besprechen, was geschehen ist: Elfriede Jelineks neues Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ wird in der Regie von Jossi Wieler morgen an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. In der Art eines antiken Botenberichts spielen Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf und Hildegard Schmahl die Suada der Übriggebliebenen.

-Wie oft lesen Sie einen so assoziativen, vielschichtigen Text, bis Sie ein Konzept vor Augen haben? Gibt es eine Technik?

Ich habe bei Jelineks Texten immer das Bedürfnis, sie zu hören, laut oder gemeinsam zu lesen. Das haben wir getan. Dieser lange Text ohne Szeneneinteilung und Rollen, dem eine besondere Wiederholungstechnik innewohnt, ist nicht gerade Bettlektüre.

-Spielen Sie die ungekürzte Fassung?

Das habe ich bei einem Jelinek-Text, ob Uraufführung oder nachgespielt, noch nie gemacht. In diesem Fall würde es über fünf Stunden dauern. Jetzt sind es zwei Stunden ohne Pause, denn der Botenbericht muss fließen. Es geht ja gerade darum, dass die Boten versuchen, sich heraus- oder drumherumzureden, wodurch sie sich immer mehr hineinreden und von ihrer eigenen Sprache gefangen werden.

-Wie entstehen daraus Figuren und ihr Rollentext?

Jelinek macht ja keine Vorgaben. Bei uns gibt es eine Gruppe von Boten, die zwei Generationen umfasst; eine ältere, die möglicherweise noch Zeuge des damaligen Geschehens war, und eine jüngere von Nachgeborenen. Sie bilden einen Sprachkörper, sprechen wie aus einem Denken heraus und können sich nicht mehr bremsen in ihrem Redefluss. Sie meinen, sie sagen alles, verschweigen aber ganz viel. Wir nennen es auch geschwätziges Verschweigen. Sie werden dabei geleitet von Sensationslust, Voyeurismus, Süffisanz, Lakonie. Dadurch demaskiert sich die im Text zitierte Banalität des Bösen. Dieses Sprechen zeigt, wie man mit Geschichte heutzutage umgeht: Mit Überheblichkeit biegt man etwas zurecht oder verschweigt es. Und hinter dieser Sprachmaske der Figuren werden die eigenen Abgründe und vielleicht potenzielle Täter sichtbar.

- Stehen Sie in direktem Kontakt zu Jelinek?

Wir wollten wieder ein Stück zusammen machen und führten ein Gespräch, unter anderem über Luis Buñuels Film „Der Würgeengel“. Darin ist es umgekehrt: Die Dienstboten verlassen das Herrschaftshaus und lassen die Herrschaft zurück. Sie hat dann den Text geschrieben und uns geschickt. Ich fand nicht gleich Zugang dazu, aber das ist immer so bei Elfriede Jelinek, doch ich spürte gleichwohl die Sprachmächtigkeit dieses Werks. Sie schenkt einem eine ganze Partitur, die man zum Klingen bringen muss.

-Jelinek hat sich ja aus der Öffentlichkeit sehr zurückgezogen. Wie muss man sie sich vorstellen, den Umgang mit ihr?

Ich glaube, sie will gar nicht, dass man viel über sie redet. Sie ist extrem kooperativ, genau in ihrem Blick und sehr großzügig.

- Nähert man sich diesem Stoff, der heikler ist als etwa das RAF- Thema in Jelineks „Ulrike Maria Stuart“, mit einem anderen Bewusstsein?

Ja, und das geht bei allen Beteiligten sehr an die Substanz. Es handelt sich um einen Umgang mit Geschichte, wie man ihm noch nicht begegnet ist, weil hier weder die Opfer noch die Täter gezeigt werden. Die Boten reden über ganz schreckliche Dinge und können nicht damit aufhören, aber nicht aus einer Betroffenheit heraus, sondern aus Nonchalance. Aus einer Geilheit, solche Worte in den Mund nehmen zu dürfen, immer wieder. Jelineks Art der Archäologie ist ja hier fast emblematisch (sinnbildlich, Anm.d.Red.), sie schaut nicht nur in Gräben, sondern in Gräber und legt Bewusstseinsschichten frei, um der Wahrheit näherzukommen. Die Wahrheit aber ist scheinbar nicht mehr vorhanden. Deshalb braucht es im Umgang damit eine besondere Vorsicht. Das ist es auch, was sich bei allem Zynismus und aller Lakonie vermittelt: Wir müssen bei diesem Thema sensibel bleiben und dürfen nicht alles schnell wieder zuschütten.

Das Gespräch führte

Christine Diller

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