Hintersinniger Zeuge seiner Zeit

Breitbrunn - Horst Mönnich gehörte einst zur Gruppe 47, schrieb gefeierte Radio-Krimis und gilt als einer der wichtigsten Zeitzeugen Deutschlands zu Zeiten des Wirtschaftswunders. Heute feiert er in Breitbrunn am Chiemsee seinen 95. Geburtstag.

Breitbrunn im Herbst des Jahres 2013. Bunte Blätter an hoch gewachsenen Bäumen verstecken das Blau des Chiemsees und einige Villen. Ein ruhiger Flecken Chiemgau, an dem der Autor Horst Mönnich seinen Lebensabend verbringt. Heute erinnert er sich an seinen Geburtstag vor 95 Jahren, der auch der Geburtstag der Weimarer Republik war. Horst Mönnich, der Name klingt nicht mehr. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren war das anders: Mönnichs Texte, seine Reportagen über das geteilte Deutschland, seine dokumentarisch unterfütterte Erzählung über Wolfsburg und VW wurden gelesen, waren Bestseller. In ihnen spiegelte sich die Nachkriegsgesellschaft, vergewisserte sich ihres atemberaubenden wirtschaftlichen Erfolgs – und wurde bereits mit einigen ihrer Grenzen vertraut.

Mönnichs Hörspiele für den Nordwestdeutschen Rundfunk sind preisgekrönt. Echte Hörspielfans können mit deren Titeln, „Prozeßakte Vampir“ etwa, durchaus heute noch etwas anfangen. Im Sommer 1955 jedoch zur Erstausstrahlung musste selbst die Hauptnachrichtensendung der Krimireihe Platz machen. Mönnich verstand es damals wie kein anderer, seiner Zeit, ihren politischen Voraussetzungen und den Menschen in ihr in fiktionalen Stoffen Ausdruck zu verleihen. Selbst in französischen Schulbüchern finden sich Mönnichs Reportagen über das Leben auf beiden Seiten der Grenze im geteilten Deutschland.

Mönnich wurde 1918 in Senftenberg in der Niederlausitz geboren. Früh verloren er und sein Zwillingsbruder die Eltern. So verdankten beide Waisen ihren Unterhalt der Fürsorge der Nazis, überzeugt von deren Idealen zog Mönnich in den Krieg. Da hatte er bereits seinen Zwillingsbruder Günther bei einem Manöverunfall verloren. Selbst überlebt er den Krieg: „Fassungslos darüber, dass ich, 26 Jahre alt, wie unter einer Glocke gelebt hatte, die mich hermetisch abschloss von der Welt.“ Mönnich gerät in britische Gefangenschaft – die für ihn eine Art Befreiung wird, ein Neuanfang. „Wir wollten nach dem Krieg etwas Neues schaffen, wollten aus dem Nichts eine neue, deutsche Literatur entstehen lassen“, erzählt Mönnich im Rückblick. Er war ein frühes Mitglied der Gruppe 47 rund um den Schriftsteller Hans Werner Richter, zu der später auch der Literaturnobelpreisträger Günter Grass und der jüngst verstorbene Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zählten.

Horst Mönnich studierte in Berlin Germanistik und Journalistik, arbeitet kurze Zeit als Redakteur. Mit dem Erfolg seines Porträts über Volkswagen und Wolfsburg, „Die Autostadt“, lässt er sich in Breitbrunn am Chiemsee als freier Schriftsteller nieder. Sten Nadolny, mit seinen Romanen „Die Entdeckung der Langsamkeit“ und „Netzkarte“ selbst ein gefeierter Autor, lernte als Jugendlicher Mönnich im Haus seiner Eltern in Chieming kennen. Er erinnert sich an die intensiven Gespräche, die Mönnich in den Fünfziger- und Sechzigerjahren mit seinem Vater Burkhard führte: „Horst Mönnich ist ein ungemein genauer Menschenkenner und -beobachter. Als Schriftsteller ist er äußerst gewissenhaft und sorgfältig.“ Immer wieder hätte Mönnich seine Stoffe umgearbeitet, wenn seine Recherchen ihm neue Erkenntnisse gebracht hätten. Nadolny bewundert die sprachliche Genauigkeit Mönnichs und den leisen, hintersinnigen Humor seiner Werke. Sein 2012 erschienenes Werk „Weitlings Sommerfrische“, in dem Nadolny viele seiner Erfahrungen der Jugend am Chiemsee eingearbeitet hat, widmete er dem älteren Kollegen, dem er sich freundschaftlich verbunden fühlt.

Horst Mönnich selbst hat sich heute aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Eine Haushälterin kümmert sich um ihn. Die Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, leben nicht weit in München und Oberbayern. Vor einigen Jahren verlor Mönnich auf tragische Weise seine Frau Modeste. Die Schriftstellerin verbrannte im Haus, während er im Chiemsee badete. In den hellen Räumen seines großzügigen Büros hat er seitdem an seinen Lebenserinnerungen gearbeitet. Die drei Bände liegen nun als gebundenes Manuskript vor ihm. Gewissenhaft und sorgfältig legt er darin Rechenschaft ab über sich, sein Leben und seine Zeit: „Ich überlasse es meinen Nachkommen, sich über die Veröffentlichung Gedanken zu machen.“ Dabei wären die Texte ein spannendes Stück Gedenk-Arbeit – nicht nur, um den Namen Horst Mönnich wieder ins Gedächtnis zurückzurufen.

Martin Both

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