Die Hippies beim Elch

- Wallemähnen, Schlaghosen, Engtailliertes, Joints, Zurück-zur-Natur-Kommunen und freie Liebe - auf die Mode der 70er-Jahre griffen Designer ja jüngst wieder heftig zurück. Die Hippie-Bewegung jedoch blieb in kapitalistischer Weltorientierung ohne auch nur den Anflug einer Renaissance. Bevor sie ganz in die Schluchten der Vergangenheit abgesunken ist, hat T. C. Boyle, ein Aufarbeiter amerikanischer und Umwelt-Themen ("Ein Freund der Erde") diese Ära konserviert in seinem Roman "Drop City".

<P>Es ist eine kalifornische Kommune, wo eine bunte Schar von "drop-outs", Aussteiger aus den "beschissenen Faschisten-Counties" und dem spießigen "lackierten-Rasen"-Milieu, freiwillig eigenes Gemüse anbaut, Ziegen melkt, vor allem aber auf den Speed- und LSD-Wolken der Bewusstseinserweiterung dahinflottiert und ausgiebig auf stockfleckigen Matratzen das betreibt, was man ungerechterweise den Vögeln zuschreibt.</P><P>Das wirkt, zugegeben, authentisch - aus erster Hand von Boyles eigener Hippiejünger-Erfahrung. Absolut vorstellbar, dass da ein Kleinkind Acid-versetzten Orangen-Saft zu trinken bekommt und der Bruder fast ertrinkt. Aber von Boyles Beschreibungs-Akribie bezüglich Kommunarden-Kleinkrieg, Vegetaro-Verpflegung (von Maispampe bis Tofu-Kebab), abgetörnten Sensationen in Kopf und unteren Körperregionen, von dem "Hey-was-liegt-an-Mann"- Jargon (wie immer gewissenhaft übersetzt von Werner Richter) dieser Sippe von geistig briefmarkenflachen "Bräuten" und ihren Besteigern hat man doch ziemlich schnell die Nase gestrichen voll.</P><P>Aufatmen, wenn der Autor nach 80 Seiten den Blick nach Alaska schwenkt, wo eine naturbewusste 27-Jährige per Annonce ihr Trapper-Idol findet. Und wo der Leser via Pamela und Sess Harder in zugiger Winz-Blockhütte zwischen Elchen, Schwarzbären, Karnickel-Schlingen und Moskito-Schwärmen, gestärkt durch Karibufleisch-Sandwiches ein bisschen den Traum von unberührter Wildnis und einfachem Leben mitträumen kann. Den besseren, aber härteren Teil der Hippie-Utopie. Den lernt auch die "Drop-City"-Gemeinde kennen. Denn wegen Vergewaltigung, Hygiene-Mängeln und nicht bezahlter Grundsteuern treten im kalifornischen Anarcho-Paradies Gesundheits- und Bauaufsichtsbehörden auf den Plan. </P><P>Und die Großfamilie, alles verladend in einen klapprigen Schulbus, siedelt um nach Alaska, wo der Kommune-Guru Norm ein Blockhaus geerbt hat - just ein Stück flussaufwärts von Pam & Sess. Über die ausgeflippten Neuankömmlinge sind die ortsansässigen Jäger und Trapper nicht erbaut. Aber es kommt auch zu Annäherungen, zu Freundschaften, vor allem zwischen den Harders und dem Pärchen Star (alias Regina Starr) und Marco.</P><P>Hauptsächlich aus der Perspektive dieser beiden werden die "Drop City"-Ereignisse geschildert. Boyle wollte also offensichtlich keine allmächtige und aburteilende Erzählhaltung einnehmen, lediglich zwei Lebensentwürfe gegeneinander halten _ von denen der eine sich von selbst erledigt hat. Ob diese Chronik vom Niedergang der Hippie-Bewegung 524 Seiten wert war? Aber wie Boyle mit unsentimental kühl-kühnen Worten Natur nachzeichnen kann - das ist stilistische Meisterschaft.</P><P> T. C. Boyle: "Drop City". Aus dem Amerikanischen von Werner Richter. Carl Hanser Verlag München. 524 Seiten, 24,90 Euro.<BR>Boyle liest morgen, 20.30 Uhr, in der Münchner Muffathalle. Karten: 089/ 54 81 81 81.<BR></P>

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