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Hisham Matar erhält in diesem Jahr für sein Buch „Die Rückkehr“ den Geschwister-Scholl-Preis.

Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an libyschen Autor

Hisham Matar und sein schwieriges Vater-Land

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Hisham Matar erzählt in „Die Rückkehr“ von seiner Heimat Libyen und von der Suche nach seinem Vater, der von Gaddafis Schergen entführt wurde. Dafür wird der Autor in München mit dem Geschwister-Scholl-Preis geehrt. 

München – Seit Kindertagen verharrt sein „Leben in Wartestellung“. Eine Reise soll jenen zermürbenden, widersprüchlichen Zustand beenden. Im März 2012 macht sich Hisham Matar zusammen mit seiner Frau und seiner Mutter von Kairo aus auf den Weg nach Bengasi. Der Flug mit der Nummer 835 wird ihn zurück in das Land bringen, aus dem seine Familie 1979 fliehen musste, erst nach Nairobi, dann weiter nach Kairo. Matars Vater Jaballa, ein libyscher Geschäftsmann und ehemaliger Diplomat, der unter anderem bei den Vereinten Nationen arbeitete, hatte sich damals gegen Gaddafi gewendet. Vom Tschad aus operierte eine von ihm gelenkte Partisanentruppe gegen den Diktator. Es war nur eine Form des Widerstands. „Was ihn für das Gaddafi-Regime wirklich gefährlich machte“, schreibt Hisham Matar, „war, dass sein politisches Engagement den finanziellen Ressourcen entsprach.“

1990 wurde Jaballa Matar entführt

Im Jahr 1990, als der Sohn in London Architektur studierte, wurde Jaballa Matar in Ägypten entführt. Erst sechs Jahre später erfuhr die Familie, dass er noch lebte und im berüchtigten Abu-Salim-Gefängnis in Tripolis eingekerkert war. Nach dem Sturz des Diktators 2011 kann die Familie gefahrlos zurückkehren. Endlich. Nach 33 Jahren begibt sich der Sohn direkt in Libyen auf die Suche nach Spuren seines Vaters, von dem nicht klar ist, ob er gestorben ist – und wenn ja, wann und wo.

„Die Rückkehr“ hat Hisham Matar seinen autobiografischen Roman genannt, für den er am heutigen Montag in der Ludwig-Maximilians-Universität mit dem Geschwister-Scholl-Preis geehrt wird. Die Jury der mit 10 000 Euro dotierten Auszeichnung lobt das Werk als ein „Buch über die überwältigende Widerstandskraft des menschlichen Geistes und über die Tugenden der Erinnerung, die dieser Erfahrung gerecht werden will: Beharrlichkeit, Sorgfalt und Vorsicht“. Matar, der 1970 in New York City geboren wurde, stehe in der Tradition der Geschwister Scholl, da „Die Rückkehr“ geeignet sei, „bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben“.

Der Vater war Fan des FC Bayern

In der leider etwas nachlässig lektorierten deutschen Übersetzung trägt der Roman den Untertitel „Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“. Das stimmt – und trifft es dennoch nicht. Motor und Rahmenhandlung der Geschichte sind tatsächlich jene Bemühungen des Sohnes, den Vater zu finden – oder Mitgefangene oder ein Dokument, das belegt, dass er getötet wurde: „Nicht zu wissen, wann mein Vater zu existieren aufhörte, hat die Grenze zwischen Leben und Tod weiter kompliziert“, schreibt Matar. Er schildert aber auch die privilegierten Umstände, unter denen er aufgewachsen ist, und trägt gewissenhaft zum Porträt zusammen, was er über Jaballa Matar (noch) weiß: „Nur das Lesen fesselte Vater mehr als Fußball, und keine Mannschaft gefiel ihm besser als Bayern München.“

Doch das Buch – und das ist seine große Stärke – geht über die Familiengeschichte hinaus. Im Zuge seiner Rückkehr nach Libyen sammelt Matar Belege der Terrorherrschaft Gaddafis, die sich vor allem im Hochsicherheitsgefängnis Abu Salim manifestierte, der Folterhölle des Regimes. Wahrscheinlich befindet sich Jaballa Matar unter den 1270 Gefangenen, die hier beim Massaker am 29. Juni 1996 hingerichtet wurden.

Gaddafi rächte sich durch Sippenhaft

„Von dem, was mit der Chiffre vom berüchtigten Gefängnis gemeint ist, bekommt der Leser eine erschütternd konkrete Vorstellung: von den Zerstörungen, die ein Gewalthaber anrichtet, der jedes Mittel einsetzt, um den Willen derer zu brechen, die er zu seinen Feinden erklärt“, schreiben die Juroren des Scholl-Preises. Weiter heißt es in der Begründung: „Dabei betritt Hisham Matar Abu Salim nicht – als wäre der Ort verflucht, als könnte er dort dem Gespenst des Vaters begegnen. Wie es dort aussah und zuging, setzt sich der Autor aus den Zeugnissen der Überlebenden zusammen, seiner Verwandten. Denn Gaddafi rächte sich durch Sippenhaft.“

Auch das genügt jedoch nicht, um „Die Rückkehr“ ganz zu fassen. Matar, der beim Schreiben seine Begeisterung für und sein Wissen über Malerei sowie Architektur nicht verbirgt (ein Glück für uns Leser!), entwickelt wie nebenbei ein Panorama der libyschen Geschichte bis zum Arabischen Frühling.

Für die Gegenwart und Zukunft seines Landes entdeckt der Autor schließlich eine wunderbare Metapher im Straßenbild: „Seit ich mich erinnern kann, finde ich diesen unfertigen Zustand vieler moderner libyscher Gebäude verstörend. Diese halb fertigen Gebäude scheinen ein größerer Affront, abstoßender und beklemmender als ein fertiges Haus, das schwere Zeiten durchlebt hat. Unsere unfertigen Häuser sind, mit anderen Worten, ein Spiegelbild unserer Gegenwart. So wie wir sie bauen, definieren sie uns.“ Bleibt die Hoffnung, dass an beidem gewissenhaft weitergearbeitet wird, an den Bauwerken und an der Zivilgesellschaft im Land.

Informationen zum Buch:

Hisham Matar: „Die Rückkehr“. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Luchterhand Verlag, München, 287 Seiten; 20 Euro.

Hisham Matar liest am Dienstag, 21. November, um 20 Uhr in der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl, Leopoldstraße 45, aus seinem Roman; Karten: 089/ 38 01 500.

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