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Auf dem Foto ist Speer (re.) im Jahr 1934 zusammen mit Adolf Hitler und Leonhard Gall (li.), Mitarbeiter des verstorbenen Architekten Paul Ludwig Troost, zu sehen – anlässlich einer Besichtigung des Baufortschritts am „Haus der Deutschen Kunst“ in München. Das Gebäude wurde 1937 eröffnet.

Diskussion im NS-Doku-Zentrum

Historiker im Gespräch: Speer wollte nicht an den Galgen

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Gespräch mit Historiker Magnus Brechtken über den „reuigen“ Speer – Diskussion im NS-Dokumentationszentrum.

Reue kommt an: Albert Speer, als Rüstungsminister einer der Vollstrecker des „totalen Krieges“, schaffte es nach der NS-Zeit, sich vom Nazi-Image zu distanzieren. Er saß bis 1966 in Berlin-Spandau in Haft und startete anschließend eine beispiellose zweite Karriere als reumütiger Zeitzeuge. Magnus Brechtken, Professor an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, zerpflückt in seiner herrlich sarkastischen Biografie „Albert Speer – Eine deutsche Karriere“ schonungslos die Legende vom „noblen Nazi“ Speer, der von nichts gewusst hat. Genüsslich entlarvt Brechtken (Foto: IfZ) den angeblich bedeutenden Chronisten als großen Märchenonkel.

Zur Entlassung aus der Haft schickte Willy Brandt Blumen, später gab Speer sogar dem „Playboy“ ein Interview. Wie lässt sich die eigentümliche Popularität Albert Speers in der Nachkriegszeit erklären?

Magnus Brechtken, Professor an der Münchner Universität und am IfZ.

Magnus Brechtken: Speer ist ein Prototyp für die gesellschaftliche Gruppe der Funktionseliten, die sich bewusst für Hitler entschieden und dem Nationalsozialismus durch ihre Fachkenntnisse erst seine eigentliche Dynamik gegeben haben. Ohne die ganzen Mediziner, Juristen und Verwaltungsfachleute hätte die Herrschaft gar nicht so gut funktionieren können. Speer war im Grunde nur einer der Engagiertesten, Ehrgeizigsten und Fleißigsten. Deswegen war er nach 1945 auch die ideale Figur für alle, die sagen wollten: „Ich habe zwar mitgemacht, aber von den Verbrechen habe ich nichts mitbekommen.“ Selbst Leute, die ganz vorne mitmarschiert sind, waren ja hinterher angeblich nicht beteiligt. Speer wusste wie alle anderen genau, was er getan hatte. Er hat das nachher sehr erfolgreich geleugnet und verdrängt.

Wie viel war von Anfang an beim Prozess in Nürnberg 1946 gezielt zur Legendenbildung zusammengestrickt; wie viel eher instinktiv, um  vor allem die eigene Haut zu retten?

Brechtken: Das lässt sich nicht trennen. Das Grundmotiv seit Frühjahr 1945 lautet bei Speer: „Ich bin 40 Jahre alt und will nicht an den Galgen.“ Das ist menschlich verständlich, und er unternimmt alles dafür. Er stellt aber auch relativ schnell fest, dass man ihm ziemlich viel abnimmt, was er so erzählt. Weil die Alliierten erstens kaum Dokumente besitzen, die das Gegenteil beweisen. Und weil er zweitens auf eine gewisse Weise Empathie auslöst. Speer ist der Einzige unter den Angeklagten, der anerkennt, dass das Hitler-Regime verbrecherisch war und überwunden werden muss. Deswegen bekennt er sich auch zu einer Gesamtverantwortung. Aber insgesamt, behauptet er, habe er in Trance gelebt, gar nicht mitbekommen, was da eigentlich an Bösem passiert ist.

Damit hat er damals vielen Deutschen aus der Seele gesprochen.

Brechtken:  Genau. Schon bei den ersten Vernehmungen und vor Gericht hat Speer seine bereitwillige Kooperation viele Sympathien eingebracht. Die übrigen Angeklagten missbilligten den Prozess und verweigerten sich vollkommen. Dadurch konnte sich Speer geschickt profilieren. Für ihn hat das wunderbar funktioniert. Und als seine Haltung sich erst einmal etabliert hatte, haben in den Fünfzigern seine Freunde und Unterstützer dafür gesorgt, dass sich das laufend weiterträgt. Darauf konnte er bei seiner Entlassung 1966 aufbauen.

Warum hat niemand hinterfragt, dass er nur schwammig von einer „Verantwortung“ gesprochen und nie ein klares Schuldbekenntnis abgelegt hatte?

Brechtken: Man war geradezu begeistert davon, wie kritisch er mit dem Nationalsozialismus abrechnete. Weil das natürlich eine Identifikation für sehr viele Menschen bot. Man war jetzt unter alliierter Besatzung und suchte nach einer Möglichkeit, mit dem Bösen abzurechnen. Mit Albert Speer konnte man sagen: Die Verbrecher sind nun alle weg. Himmler, Hitler, Goebbels, Bormann und Göring sind tot. Damit ist das „Dritte Reich“ gleichsam abgeschlossen. Wir waren unterdrückt von diesen Verbrechern. Wir sind im Grunde deren Opfer. Wir haben ja eigentlich nur unseren Job gemacht, und den haben wir richtig gut gemacht. So wie Speer, der wie wir von den Verbrechen nichts wusste.

Besonders schockierend ist, wie Speer sich in Nürnberg auch noch als Widerständler inszeniert.

Brechtken: Ja, das war sehr geschickt. Und die anderen Hauptangeklagten halfen ihm auch noch dabei, ohne es zu wollen. Göring hatte Speer ja sowieso schon im Visier, weil Speer sich reumütig präsentierte. Als der Verteidiger Speers nun bei einer Zeugenvernehmung fragte: „Herr Ohlendorf, haben Sie je gehört, dass Speer ein Attentat auf Hitler plante?“, antwortete der wahrheitsgemäß mit „Nein“. Es gab ja keinen Plan, also konnte Ohlendorf den nicht kennen. Aber damit war diese Mär im Raum. Göring sprang sofort auf und empörte sich, und die anderen im Saal nahmen den Konflikt wahr. Damit war die Geschichte in der Welt und niemand fragte, ob daran überhaupt etwas stimmt.

Magnus Brechtken: „Albert Speer – Eine deutsche Karriere“. Siedler Verlag, 910 Seiten; 40 Euro.

An diesem Montag findet um 19 Uhr im Münchner NS-Dokumentationszentrum ein Vortrag mit anschließendem Gespräch zum Buch statt.
Der Eintritt ist frei.

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