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Die Schau „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“ geht noch bis Februar 2011.

Hitler-Ausstellung: Die Faszination des Bösen

Berlin - Hakenkreuze, Führer-Büsten, Nazi-Ramsch: Mit „Hitler und die Deutschen“ widmet sich erstmals in Deutschland eine Ausstellung der Faszination Adolf Hitlers. Überflüssig ist die Schau keineswegs.

Die Ausstellung

Bis 6. Februar 2011 täglich 10 bis 18 Uhr im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Berlin, Unter den Linden 2. Katalog 328 Seiten, 38 Euro.

Eintritt: 6 Euro, Jugendliche bis 18 Jahre frei.

Anmeldung und Information für Gruppen und Schulklassen: Tel 030–20 304-750 oder E-Mail: fuehrung@dhm.de.

Der Rundgang in Berlin beginnt mit München – die Ausstellung „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“ ist keine lokale Angelegenheit. Das Deutsche Historische Museum zeigt auf rund 1000 Quadratmetern, wie sich nach dem Ersten Weltkrieg der Wahn von Adolf Hitler als Heilsbringer und Retter der Deutschen rasant über das gesamte Land verbreitete. Eine Schau, die bereits am ersten Wochenende mehr als 10 000 Besucher angelockt hatte und bei der man sich auf längere Wartezeiten einstellen muss. Die Resonanz ist enorm, die Ausdauer, mit der sich die Gäste den Exponaten und Texten widmen, erstaunlich und der Drang, sich am Ende ins Meinungsbuch einzutragen, erheblich.

Vier große Fotos sind der Exposition quasi als Prolog vorangestellt. Durch sie erfasst der Besucher sofort und intuitiv, worum es hier und im Folgenden geht: um die Faszination des Schreckens, das Geheimnis des Bösen, die Verführung durchs Bild. München, Odeonsplatz, 1914: Mobilmachung. Eine schier unüberschaubare, jubelnde Menschenmenge, fotografiert von Heinrich Hoffmann, Hitlers späterem Leibfotografen aus München. Und mittendrin, in der Ausstellung durch einen Lichtkegel eigens herausgehoben, Adolf Hitler. Es ist jedoch anzunehmen, dass erst viele Jahre später, während der NS-Zeit, sein Konterfei in dieses Massenfoto hineinmanipuliert wurde. Womöglich also eine Fälschung zu Propagandazwecken.

Zu diesem frühen Bild gesellen sich drei große Foto-Porträts, auf dunkelrote Gaze-Rollos projiziert: zwei Mal in Uniform, der jüngere und der ältere, in jedem Fall der entschlossene „Retter“ der Nation; und einmal der Totenschädel Hitlers mit Haarsträhne und Oberlippenbart – eine Fotomontage aus dem Jahr 1939/1940 von Marinus Jacob Kjeldgaard, einem dänischen Politkünstler. Diese Bilder werden immer wieder durchsichtig, und hinter den Porträts erscheinen deutlich erkennbar Fotodokumente, die für sich sprechen: SA-Aufmärsche 1925 und 1932 in Nürnberg und München, eine KPD-Demonstration vom 1. Mai 1929 in Berlin-Wedding und Obdachlose, Hitler als Sammelbild fürs Zigarettenalbum, Gefangene eines frühen KZ in der Berliner Friedrichstraße 234 oder 1940 die Siegesparade nach dem Frankreich-Feldzug, Krieg gegen die Sowjetunion, Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto.

Die perfekte Selbstinszenierung der Nazis zum großen Führer-Mythos konterkarieren die Ausstellungsmacher um Museumschef Hans Ottomeyer immer wieder mit den herben Bildern der Realität, den Fakten des Grauens, damit ja kein Ausstellungsbesucher verführt werde, dem von den Nazis betriebenen, geradezu religiösen Kult um Adolf Hitler selbst heute noch zu erliegen. Eine eher unbegründete Gefahr. Die Berliner Schau zeigt zwar sehr genau und eindringlich die Verquickung von politischer Allmacht und gesellschaftlichem Alltag, von Gewalt, Glauben und Gefühl, vom Hoffen der Deutschen auf Heilsbotschaften und das Ignorieren der Hiobsmeldungen. Was die Schau aber nicht leistet, ist, die große Hingabe der Bevölkerung an Hitler und das Nazitum sowie die Anbetung seiner Person verständlich zu machen. Denn das ist nicht zu verstehen. Das ist, betrachtet man in der Ausstellung die „Führer-Devotionalien“ – etwa die naiv-dummen Karten zu seinem Geburtstag 1932, die Spielzeug-SA-Männer und -Soldaten oder die Kasperpuppen – vermutlich auch für kommende Generationen unerklärbar und letztlich nur noch lächerlich. Fassbar – und das wiederum wird in dieser Exposition deutlich – ist der gesellschaftliche Aufstieg Hitlers, der in seinen ersten 30 Lebensjahren nichts weiter war als ein Niemand, dessen Talent aber zu aufputschender Rede und Demagogie den Förderern der Reichswehr sehr genehm war. Ein Foto von einer Großveranstaltung im Münchner Circus Krone 1923 belegt das anschaulich. Ebenso anschaulich der Siegeszug seines während der Festungshaft in Landsberg verfassten Buches „Mein Kampf“. Für 2,85 Reichsmark war es 1927 in den verschiedensten Ausgaben zu haben, eine davon sogar in Blindenschrift. Und auch ein Exemplar aus dem Besitz Gerhart Hauptmanns ist aufgeschlagen in einer Vitrine zu bestaunen. Deutschlands damaliger Dichterfürst hatte sich im Sommer ’33 eingehend damit beschäftigt, hat rote und blaue Markierungen vorgenommen, diverse Randnotizen angebracht – etwa in der Art: „Das ist ein grandioser Gedanke.“ Der deutsche Nationalismus war – und dafür steht das Beispiel Hauptmann exemplarisch – der Humus, auf dem Hitler derart gedeihen konnte.

Eine Abteilung in der Schau ist dem jungen Adolf Hitler gewidmet. Hier findet sich der einzige Moment, in dem sich der Betrachter in Bezug auf die Person Hitler emotional angesprochen fühlt: das Klassenfoto aus dem Jahr 1899, der Zehnjährige in seiner Volksschulklasse in Leonding bei Linz. 48 Schüler. In der Mitte der letzten Reihe steht dieses Kind – stramm und groß, Arme vor der Brust verschränkt, Kopf gereckt, dreist in die Kamera schauend. Schon hier ganz und gar Pose, genauso wie auf den späteren Bildern des erwachsenen Hitler.

Natürlich lässt sich das alles vom Beschauer in dieses Kinderfoto hineinprojizieren, wenn er doch von vornherein weiß, um wen es sich da handelt. Und natürlich ist die Frage, was sich wohl in dem Gesicht eines kleinen Buben bereits ablesen lässt, nicht statthaft, da vorurteilsvoll. Und doch ist es so, als würde man alles Folgende, den Größenwahn und den Schrecken, darin suchen – und auch finden. Und man ist ergriffen von den 47 anderen Jungsgesichtern, den Mitschülern des kleinen Adolf. Wurden sie später zu seinen Anhängern? Oder zu seinen Gegnern? Blieben sie gleichgültig? Haben sie gejubelt? Ist diese Volksschulklasse gar schon eine „Volksgemeinschaft“? Und: Wie viele von ihnen hat er in den Tod geschickt?

So begann der Zweite Weltkrieg

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Die Berliner Ausstellungsmacher präsentieren die Selbstinszenierung der Macht. Hitler und die NSDAP sind an der Spitze der Gesellschaft angekommen. Symbolisch stehen dafür die kuriose Reihe der schwarzen Zylinder, die Schau der absurdesten NS-Uniformen, die Masse der Orden und Porträtbüsten sowie Volksempfänger, Volkswagen, Telefone, jene Vehikel also zur Korrumpierbarkeit des Volkes. Und die diversen Schilder, mit denen sich Städte und Gemeinden freiwillig dekorierten – wie zum Beispiel „Juden sind in unserem Ort nicht erwünscht.“

So führt die Schau über Fotos und Dokumente von den Konzentrationslagern Buchenwald, Theresienstadt, Auschwitz, Flossenbürg und Sachsenhausen zum Kriegsende. Das aber ist nicht das Finale der Ausstellung. Sie endet nicht mit Hitlers Tod, sondern mit der Frage: Was ist von Hitler geblieben? Die Deutschen werden ihn niemals mehr los. Allein 45 „Spiegel“-Titel zwischen 1949 und 2010 belegen das. Ebenso Plakate zu George Taboris „Mein Kampf“. Oder eine stark berührende, assoziative Fotoarbeit des Münchner Schauspielers und bildenden Künstlers Stefan Hunstein von 1998 mit dem Titel „Blondi“. Das sind 16 verfremdete Großfotos hinter Glas, ein deutsches Wohnzimmer, eine idyllische Bergwiese, ein Aufmarschgelände, eine Straßenszene, dazwischen das Profil eines Toten und viermal Hitlers Schäferhund, der hier einer gefährlichen Bestie gleicht.

Ansonsten kommt die Nachkriegsbehandlung des Themas zu kurz. Wie nämlich die Deutschen sozusagen auf Knopfdruck zu lauter Antifaschisten wurden – dazu hätte man doch gerne den Standpunkt der zuständigen Kuratoren erfahren. Wie Hitler möglich wurde – diese Frage wird sich immer aufs Neue stellen, und zwar für jede Generation. Und wer enttäuscht meint, diese Schau sei überflüssig, weil er alles, was hier geboten wird, schon zu kennen meint, irrt. Unter den Besuchern des gut aufbereiteten Materials sind auffallend viele Jugendliche. Die sehen das so zum ersten Mal. Und sind doch offenbar die Mehrheit. Beredtes Zeugnis gibt davon das Gästebuch: „Ich habe viel gelernt“, schreibt – zwischen Eintragungen von Besuchern aus Australien und den USA, Japan und Dänemark, Ungarn, Russland und Portugal – eine achtjährige Schülerin aus Deutschland.

Sabine Dultz

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