1. Startseite
  2. Kultur

Die ersten Fake News

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Katrin Basaran

Kommentare

"Faking Hitler" - Premiere der RTL+-Serie in Berlin
Schauspieler Moritz Bleibtreu (l.) mit Sinja Irslinger und Lars Eidinger bei der Premiere der RTL+-Serie „Faking Hitler“ © Jörg Carstensen

Im Jahr 1983 veröffentlichte der „Stern“ jubelnd die Hitler-Tagebücher (siehe Kasten) . Nur Tage später war klar, was die Spatzen längst von Hamburgs Dächern pfiffen: Man war auf einen Fälscher hereingefallen! Helmut Dietl griff den Skandal bereits 1992 in „Schtonk!“ satirisch auf. Nun hat RTL plus aus der Geschichte den amüsanten Sechsteiler „Faking Hitler“ produziert, der aktuell gestreamt werden kann. Wir sprachen mit Moritz Bleibtreu, der in die Rolle des Fälschers Konrad Kujau schlüpfte.

Sie waren zwölf, als der Skandal um die Hitler-Tagebücher die Medienlandschaft erschütterte. Haben Sie noch Erinnerungen?

Ja, ich erinnere mich. Meine Mutter fand das damals sehr amüsant. Als herauskam, dass es Fälschungen waren, meinte sie, das sei das Ende des „Stern“ – aber das ist ja dann nicht passiert.

Wurde das in der Schule diskutiert? Oder war das eher ein Erwachsenenthema?

Letzteres. In meiner Erinnerung war es auch kein Thema, das die Menschen in ihren Grundfesten erschüttert hätte, sondern eher belustigte. Die Leute, die darunter wirklich zu leiden hatten, das waren ja irgendwie „die Richtigen“: Derjenige, der das Verbrechen begangen hat, und diejenigen, welche so blöd waren, ihm aufzusitzen. Es hat ja nie jemand wirklich Schaden genommen.

Hatten Sie Gelegenheit, einen der noch lebenden Zeitzeugen, etwa Gerd Heidemann, zu treffen?

Die Begegnung mit Leuten aus der Vergangenheit ist oft gar nicht so fruchtbar. Und wie alt ist der Heidemann – um die 90? Wahrscheinlich ist er ganz froh, wenn er die Geschichte endlich hinter sich weiß. (Lacht.) Nein, ich nehme mir gerne die Freiheit, das auch wie einen Filmstoff zu behandeln. Natürlich muss man dabei für die Figur und die realen Begebenheiten Sorge tragen, aber ich möchte auch die Möglichkeit haben, mich dramatisch darzustellen und eine Rolle zu interpretieren.

Sie spielen den Fälscher Konrad Kujau. Was war Ihnen an der Figur wichtig?

Mein Konnie ist jemand, der mit einer unglaublichen Begabung ausgestattet ist, gleichzeitig als Künstler aber nicht wirklich zu sich gefunden hat. Irgendwann hat er gelernt, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen – er imitiert mit ein paar Pinselstrichen jemand anderen und kann ganz gut davon leben.

Er wirkt auch sehr schlitzohrig und eitel.

Das ist Teil seiner Begabung, die eben nicht nur das Malen betrifft. Auch seinen durchaus schwierigen Umgang mit gleich zwei Frauen handhabt er wirklich geschickt. (Lacht.) Da ist er sehr schlau.

Sie schwäbeln in der Serie. Wie schwer fiel Ihnen das?

Mir macht der Umgang mit Dialekten unheimlich viel Spaß. Als ich zum ersten Mal die Gespräche zwischen Kujau und Heidemann beim „Stern“-Podcast gehört habe, war klar, dass man das entweder komplett annehmen muss oder es ganz lässt. Wir wollten das ausprobieren. Tja, und dann versucht man das und nervt damit die Leute zu Hause. Aber mit ein bisschen Glück funktioniert es dann. (Lacht.)

Der Charme der Serie besteht auch darin, dass die Requisiten bis ins kleinste Detail stimmen.

Ja, ich hatte einen totalen Nostalgie-Flash! Ich bin an jedes Set gekommen und habe gerufen: Och, guck mal die Tischdecken! Och, die Pril-Blume! Och, dies und das! Es war wie eine Zeitreise.

Heidemann und andere haben einen regelrechten Nazi-Fetisch gepflegt. Können Sie so eine Faszination nachvollziehen?

Ich kann es nicht. Mir ist jede Form von Ideologie, jede Form von Uniformierung völlig fremd. Das war in dieser Generation wahrscheinlich noch eine Form des Festhaltens an vermeintlich verlorener Größe. Und es existiert ja bis heute. Diese Devotionalien werden weiter gehandelt, in Italien etwa ist das ein Riesenmarkt! Ich habe gerade gehört, dass diese Göring-Jacht „Carin II“, die in „Faking Hitler“ eine Rolle spielt, bis heute existiert – sie liegt irgendwo in einem Hafen in Afrika und wird restauriert.

Die gefälschten Hitler-Tagebücher würde man heute „Fake“ nennen – ein geflügeltes Wort unserer Zeit für manipulativ eingesetzte Informationen. Wie verhindern Sie, dass Sie „Fake News“ aufsitzen?

In der Zeit, als die Hitler-Tagebücher gefälscht wurden, gab es ein Informationsmonopol, dem die Leute vertraut haben. Das, was in der Zeitung stand, hat man geglaubt, das war gut und richtig. Insofern markiert der damalige Skandal einen Wendepunkt, an dem die Menschen erstmals diesem Informationsmonopol misstrauten. Es erschien zuvor undenkbar, dass Journalisten ihre Quellen nicht überprüfen! Heute haben wir ein Zuviel an Informationen. Uns fehlt so etwas wie ein Mediator, irgendeine Institution, die uns Bürgern das Vertrauen zurückgibt. Damit wir wieder sagen können: Darauf können wir uns zu 100 Prozent verlassen. Bis dahin hilft gesunder Menschenverstand und Eigeninitiative, sich so vielseitig wie möglich zu informieren. Persönlich bin ich so erzogen worden, dass ich alles immer noch einmal hinterfrage. Nicht aus einem grundsätzlichen Misstrauen heraus, sondern um mir selbst ein Bild von Dingen zu machen. Denn es ist nun mal Tatsache, dass egal wo, sehr viel Falsches berichtet wird. Und das ist, so glaube ich, der einzige Weg, wie man damit umgehen kann.

Auch interessant

Kommentare