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Am Start der Karriere: Diana Ross und Michael Jackson.

50 Jahre Motown

Die Hit-Maschine

Ungeachtet aller Rassentrennung machte vor 50 Jahren eine Plattenfirma Furore. Motown verhalf  mit den "Sound Of Young America" schwarzer Kultur zum kommerziellen Durchbruch in den USA.

Hat die Firma Motown Präsident Barack Obama erst möglich gemacht? Eine abenteuerliche Behauptung. Unbestreitbar ist allerdings, dass die Motown-Künstler - etwa Smokey Robinson, die Temptations, Stevie Wonder, die Supremes und Marvin Gaye - mit ihrer geschmeidigen Popmusik afroamerikanische Kultur in den Sechziger-Jahren erstmals mehrheitsfähig machten.

Als Berry Gordy Jr. vor 50 Jahren die "Tamla Record Company" in Detroit gründete, hatte er bereits eine Karriere als Profiboxer, Gelegenheitszuhälter und Songschreiber hinter sich. Mit einem Startkapital von 800 Dollar, das er sich von Geschwistern und Eltern geliehen hatte, ließ er den amerikanischen Traum in Erfüllung gehen: Aus "Tamla" wurde "Tamla Motown" (Motown steht für Motor Town - die Autostadt Detroit), und Gordy wurde reich. Eine Sekretärin brachte es unter seiner Ägide zum glamourösen Superstar (Diana Ross), der Sohn eines Predigers zum Sexsymbol (Marvin Gaye) und der blinde Sohn der Putzfrau zum großen Erneuerer der schwarzen Musik (Stevie Wonder).

In der glorreichen Zeit zwischen 1961 und 1971 veröffentlichte Gordy 537 Singles, also ungefähr eine pro Woche. 357 kamen in die US-Charts, 110 davon in die Top Ten, 28 waren Nummer-eins-Hits. Und alle konnte man spielend als Motown-Songs erkennen, ohne auf die Plattenhülle blicken zu müssen - alles hatte den patentierten "Sound Of Young America", der zwischen Leichtigkeit, Kitsch und Bombast tänzelte. 1966 landeten drei von vier Motown-Singles in den Charts.

Vor diesen Schallplatten musste der Durchschnittsbürger keine Angst haben: Sex nur andeutungsweise, keine Drogen, keine Gewalt fanden sich in Songs wie "You Can’t Hurry Love" von den Supremes, "This Old Heart Of Mine" von den Isley Brothers und "How Sweet It Is (To Be Loved by You)" von Marvin Gaye. Dreiminütige Trojanische Pferde waren das, die spielerisch ihren Weg ins traute Heim der amerikanischen Mittelschicht fanden.

Um Vorurteile zu mindern, tat Gordy einiges: Seine Künstler hatten  gepflegt zu sein, gut gekleidet und mit anspruchsvollen Choreographien bei Liveauftritten zu glänzen. Sie sollten denken, sprechen, handeln und gehen wie die Fürstenfamilie von Monaco. Nur die Beatles traten zu Beginn ihrer Karriere ähnlich artig auf - allerdings mit einem Liverpooler Hang zur Ironie. Das Geheimnis des Erfolgs war - zumindest anfangs - die familiäre Atmosphäre in dem kleinen Haus, das Gordy am 2648 West Grand Boulevard gekauft und das er "Hitsville USA" getauft hatte. Autoren wie das Trio Brian Holland, Lamont Dozier und Eddie Holland oder das Duo Norman Whitfield und Barrett Strong schrieben die Hits. Ein aus versierten Jazz-Musikern bestehendes Ensemble namens "Funk Brothers" sorgte für den Groove, die jungen Talente sangen um die Wette. Tatsächlich entwickelte sich unter Gordys Schützlingen bald eine - gewollte - Wettbewerbs-Situation: Sowohl Künstler als auch Produzenten in "Hitsville" versuchten, sich andauernd zu überbieten, denn Gordy wählte einmal die Woche gnadenlos aus. Das große Aufnahmestudio wurde nicht umsonst "Schlangengrube" genannt, es war wie in den benachbarten Detroiter Autofabriken: Bei Motown wurde am Fließband gearbeitet.

Hinter der Erfolgsgeschichte steht fast zwangsweise manche Tragödie. Bald entstand eine Zweiklassengesellschaft, denn der Fürst Gordy hatte seine Favoriten: seinen Freund und Partner Smokey Robinson und natürlich die First Lady Diana Ross, mit der er eine Affäre begann.

Martha Reeves & The Vandellas" mögen die schärfere Truppe gewesen sein als die "Supremes" - sie wurden benachteiligt. Florence Ballard mag die bessere Sängerin gewesen sein als Diana Ross. Doch sie schaffte es unter Gordy nie, bei den "Supremes" aus deren Schatten zu treten. 1967 verließ sie die Gruppe, die sie selbst gegründet hatte. Nach einem unveröffentlichten Soloalbum im Jahre 1968 litt sie unter Depressionen und Alkoholismus. Sie starb 1976 im Alter von nur 32 Jahren. Claudette Robinson, die Ehefrau von Smokey Robinson und Sängerin seiner Band The Miracles, hatte bedingt durch den Karrierestress sieben Fehlgeburten, bevor sie ihr erstes Kind bekam.

Auch Songschreiber Norman Whitfield hatte es lange schwer gegen das Triumvirat Holland/ Dozier/ Holland. Der düstere Beat von "I Heard It Trough The Grapevine", den er mit Marvin Gaye produziert hatte, gefiel Gordy nicht. Und so verstaubte das Lied im Regal, bis die geniale Gesangsperformance zwei Jahre später endlich als Single veröffentlicht wurde - und das auch nur, weil ein DJ in Chicago die LP-Version immer wieder für sein begeistertes Publikum gespielt hatte. "Grapevine" wurde die meistverkaufte Motown-Single aller Zeiten.

Auch Marvin Gayes Album "What’s Going On" fand Gordy grässlich: "Kein kommerzielles Potenzial." Die neuartige Produktion mit schmeichelnden Streichern und anderen sanften Sounds nistete sich ein Jahr an der Spitze der US-Charts ein.

Berry Gordy zeigte also Schwächen, was sein bis dato recht untrügliches Einschätzungsvermögen für Hits betraf. Und auch wenn Motown zu Beginn der Siebzigerjahre noch heiße Eisen wie die "Jackson 5" mit dem süßen Buben Michael im Feuer hatte, so passierte viel vom Erfolg mittlerweile "trotz" Gordy: Stevie Wonder zum Beispiel avancierte mit makellosen Platten relativ autonom zum Superstar.

Gordy war immer mehr an der Solo-Karriere seiner Diana interessiert - er wollte Ross auf Teufel komm raus im Filmgeschäft unterbringen. Sein Plan ging nie wirklich auf, dafür wanderten zu Beginn der Achtziger seine Stars zu andern Plattenfirmen. Als Michael Jackson 1984 bei der Gala zum 25. Geburtstag des Labels erstmals seinen legendären Moonwalk vorführte, war er längst bei Epic Records.

1988 sah sich der Unternehmer Gordy gezwungen, sein Lebenswerk für 61 Millionen Dollar zu verkaufen. Dennoch: nicht schlecht für einen Einsatz von 800 Dollar.

Johannes Löhr

Die Plattenfirma Motown produzierte Erfolg am laufenden Band

Zum 50-jährigen "Motown"-Wiegenfest ist ein besonderes Schmankerl für Popmusik-Fans auf den Markt gekommen. Die Firma Universal, die die Rechte am "Motown"-Katalog hält, hat alle Nummer-1-Hits aus "Hitsville" in eine schmucke 4-CD-Box gesteckt und das Ganze dann auch noch gestaltet wie das legendäre Haus am 2648 West Grand Boulevard. Überwältigend, diese Hit-Dichte: Vom ersten Nummer-1-Erfolg des Labels, "Shop Around" von den Miracles aus dem Jahr 1959, bis hin zu Erykah Badus sinnlichem Song "Bag Lady" von 2006. Mit dabei die Hits der Sechziger von Supremes ("Baby Love"), den Marvelettes ("Please Mr. Postman"), Smokey Robinson ("The Tracks Of My Tears"), Mary Wells ("My Guy") und Martha Reeves & The Vandellas ("Heat Wave").
Und erst die Siebziger, als es so etwas wie einen typischen "Motown"-Sound nicht mehr gab: Stevie Wonder ("Superstition"), Marvin Gaye ("Let‘s Get It On"), die Commodores ("Easy") und so viele mehr. Besser ist Popmusik nicht mehr geworden.

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