Hochamt der Beliebigkeit

- Wolfgang Amadeus Mozart ist über der Fertigstellung seines Requiems gestorben. Dass er im Grabe rotieren würde, wüsste er, dass gleich nach dem Dies Irae aus diesem Requiem ein kostümierter Revolvermann mit Platzpatronen ins Orchester ballern und Ennio Morricones "Spiel mir das Lied vom Tod" anstimmen würde, gefolgt von einem Werbesong für Schweizer Plastikuhren, darf zumindest angenommen werden. Aber hey: Alles geht - folgt man dem Motto der "Nokia Night of the Proms" in der Olympiahalle.

Das lautete: "Ob Klassik, Soul, Rock oder Pop - im Einklang der Gegensätze liegt das Geheimnis der Magie." Und so hetzte Leiter Robert Groslot das 72 Musiker starke Orchester plus Chor auf Siebenmeilenstiefeln durch 350 Jahre Musikgeschichte, aus der man sich in schönster Willkür die besonders süßen Rosinen gepickt hatte: Rossinis "Diebische Elster", Verdis Zigeunerchor, der Kaiserwalzer von Strauß. Dazwischen spielten abgemeldete Altrocker wie Midge Ure und John Miles. Der Sinn dieses in Cinemascope inszenierten Hochamts der Beliebigkeit blieb freilich im Dunkeln. Gerade die klassischen Stücke wurden in ihrer Funktion als Drei-Minuten-Popsongs marginalisiert, banalisiert.

Freilich gab es lichte Momente: Am besten gelang der Auftritt von Manfred Mann und "seinem" Sänger Chris Thompson. Der zeigte sich erfreulich kräftig bei Stimme und verausgabte sich bei Hits wie "Blinded by the Light" oder "Davy's on the road again" wie ein Junger. The Who-Sänger Roger Daltrey dagegen hatte mit seinen Rock-Sperenzchen weniger Glück: Nachdem er das Mikro wie ehedem herumgewirbelt hatte, war es kaputt. Der einzige wirklich wichtige ehemalige Rockstar machte einen traurigen Eindruck.

Ansager Markus Othmer, ansonsten Frühstücksradiomoderator und Fußballstadionsprecher, blieb dagegen professionell. Er formulierte fleißig Nokia-Werbung oder ermutigte die Menge zur "Handy-La Ola". Ob denn "Magie" wirklich so aussieht - und sich so anhört? Othmer schien keine Zweifel zu haben.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker setzen ihren Bruckner-Zyklus mit der Achten fort. Eine Enttäuschung.
Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Christine Nöstlinger ist gestorben
Die österreichische Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Dies bestätigte am Freitag der Residenz-Verlag in Wien. 
Christine Nöstlinger ist gestorben
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Das ist auch eine kulturpolitische Entscheidung mit Blick auf den Konzertsaal: Mariss Jansons bleibt seinem Orchester ungewöhnlich lang erhalten.
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.