Auf Hochglanz getanzt

- Sind wir altmodisch? Es ist ja bekannt, dass Philip Taylors junges BallettTheater technisch inzwischen Elite-Niveau erreicht hat. Aber es brauchte Jiri Kyliáns "Overgrown Path", dem man seine 25 Jahre gut und gerne ansieht, aber eben auf positive Weise, um die Tänzer endlich einmal als reife, ausdrucksstarke Persönlichkeiten zu erleben. Dank Kyliáns Janá´cek-Ballett, begleitet von Pianist Oleg Ptashnikov, wird einem diese Taylor-Premiere in Erinnerung bleiben (Gärtnerplatztheater).

Verblüffende Uraufführung

Nichts dagegen einzuwenden, dass vor allem das junge Publikum wieder alles bejubelte. Mit einem fast schon gegen sich selbst gnadenlosen Engagement tanzen diese 21 jungen Tänzer ja auch die anderen drei Stücke auf Hochglanz - auch da noch, wo die Choreographie Wünsche offen lässt. Taylors "Leaving the tunnel" von 1998 gleich zu Beginn spricht in seiner vehementen Dynamik unmittelbar den inneren Bewegungsmotor des Zuschauers an. Spätestens in der Hälfte des Stücks jedoch bewirkt die unablässig zu Michael Nymans minimalistischer Intercitytempo-Musik sich ergießende Bewegungsüberfülle einen Übersättigungseffekt.

Das neue Taylor-Stück "Air" (Melodie) ist ein im Schrittmaterial gut gemachter Pas de deux. Aber Tanz und Musik - Aaron Jay Kernis' live gespielter Dialog für Flügel und Cello - stehen irgendwie fremd und spannungslos nebeneinander. Und wie einfallsreich auch Taylors Modern-Dance-Handschrift sein mag, man erkennt nicht recht, welche Art von Beziehung Mann und Frau hier haben.

Hochspannend und verblüffend die zweite Uraufführung des Abends: Mirko Hecktors Gruppenstück "I am not" (Ich bin nicht) - zumindest in Jan Rinkens und Achim Johns videotechnischem Ansatz: Das Bühnengeschehen wird von einem Tänzer gefilmt. Aus dieser Live-Aufnahme wird in Abständen ein Pixelstreifen eingescannt und über den Bühnenhintergrund gefahren. Es entstehen nicht nur surrealistische Farbschlieren und bizarr verzerrte Formen, die gelegentlich gerade mal ein Tänzergesicht erkennen lassen. Man hat durch die fortwährende Film-Bewegung von links nach rechts auch das wohlig Schwindel erregende Gefühl, selbst mitzufahren auf diesem Fantasy-Trip durch eine merkwürdige, von Harlekinen und schwarz geringelten Zirkuswesen (Marc Watson 50er-Retrolook) durchwuselte Welt.

Mirko Hecktor hat seinen zehn Tänzern eine verschrägte Neoklassik in Endlosschleife verordnet. Diese Pirouetten zwirbelnde, Arabesken kickende Chaos-Choreographie verrät noch sehr den Dekonstruktiv-Lehrmeister William Forsythe und Kanadas illustren Lalala-Chef Edouard Lock, bei dem Hecktor zwei Jahre getanzt hat. Und nach einer Weile driftet dieser bildnerische Breitwand-Event ins Ungefähre. Aber für den 32-jährigen gebürtigen Münchner ist es die erste größere Arbeit. Man darf zumindest auf seine Entwicklung gespannt sein.

Wunderbare Stimmigkeit im Kylián-Stück

Nach dem Experiment ist das Kyliá´n-Stück eine Offenbarung. Hier trifft alles in einer wunderbaren Stimmigkeit zusammen: Janá´ceks auf die schlichteste Art Empfindung ausdrückende Musik ("Auf verwachsenem Pfade"), klare Raumwege, die sachte Schwebe zwischen stilisierter Geste und realistischem Ausdruck von Mitgefühl, Mitleiden und Trauer. Ein Kylián, der durch die sensible Einstudierung von Roslyn Anderson einen großen lyrischen Atem bekommt. Da fragt man nicht viel, ob das Premieren-Motto "Lebenslinien" sinnvoll ist oder nicht.

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