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Professor Ulrich Nicolai formt auch mit dem Hochschulorchester trotz dessen steten Wechsels einen geschlossenen Klang.

Hochschulorchester: Simulation des Ernstfalls

München - Die jungen Nachwuchsmusiker des Münchner Hochschulorchesters proben für ihren öffentlichen Auftritt am Donnerstagabend. Alle Instrumentalisten sind gut vorbereitet - trotzdem muss noch gefeilt und geschliffen werden.

Montagmorgen, kurz vor zehn: Aus allen Himmelsrichtungen strömen die Studenten in die Hochschule. Sie kommen aus vieler Herren Länder und verstehen sich prächtig, denn ihre gemeinsame Sprache ist die Musik. Auch wenn die zunächst kakophonisch klingt: Streicher, Bläser, Pauke, alle spielen sich ein, huschen geschwind noch einmal über jenen Lauf, peilen einen Extremton an oder suchen den sicheren Ansatz. Nach einem kurzen, geordneten, gruppenweisen Einstimmen geht es los: Professor Ulrich Nicolai steht im großen Konzertsaal der Münchner Musikhochschule am Pult und schlägt die ersten Takte von Antonin Dvo(r)áks 9. Symphonie… Der Abbruch folgt spontan, denn in dieser ersten Tutti-Probe des Hochschulorchesters vor dem heutigen Konzert (19 Uhr am gleichen Ort) muss noch einiges gefeilt und geschliffen werden.

Gut vorbereitet sind alle Instrumentalisten: Die jungen Damen, die sämtliche ersten Streicher-Pulte besetzen, aber auch die jungen Männer, die das Blech anführen oder auch die Bässe fest im Griff haben. Die Studenten im Alter zwischen 16 (Jungstudenten) und Ende zwanzig absolvieren an der Hochschule ein Studium als Geigerin, als Trompeter, Flötistin oder Pauker. Ihr Ziel ist eine Stelle in einem Profi-Orchester. Damit sie auch das, was dort von Berufsmusikern gefordert und erwartet wird, leisten können, ist das Zusammenspiel im Hochschulorchester quasi die Simulation des Ernstfalls. Und Pflichtfach.

Die große Besonderheit dieses Orchesters - es ist immer im Fluss. Denn länger als vier Jahre ist kein Musiker dabei. Da kann sich eine Klang-Tradition, auf die die hundertjährigen Star-Orchester schwören, natürlich nicht aufgebaut werden. Dennoch freut sich Ulrich Nicolai, der unermüdlich an den Details arbeitet, dass sich auch bei seinem Ensemble ein geschlossener Klang herstellt. Nach einer halben Stunde Dvo(r)ák hört man die Fortschritte. Um auch im stetigen Wechsel an den Pulten Geschlossenheit und Effizienz herzustellen, hat der „Chef“ wöchentliche Repertoire-Proben installiert. Sehr zur Freude der jungen Musiker. Flötistin Barbara Chemelli (25), die 2011 die Meisterklasse beendet, strahlt: „Ich lerne hier die wichtigsten Symphonien, das Standard-Repertoire jedes Orchesters kennen.“ Neben diesem Training erarbeitet Nicolai mit seinem Orchester vier bis fünf größere Projekte im Jahr: „Dabei dürfen die Studenten auch Wünsche äußern, in welchen Programmen sie mitspielen möchten“, verrät der Dirigent, der die Arbeit mit den jungen Musikern liebt und den „familiären Betrieb“ der Hochschule schätzt. „Wenn ich sie nicht hätte, würde ich mich um diese Position beneiden“, lacht Ulrich Nicolai.

Der gebürtige Hesse, der 1978 als Dirigent ans Gärtnerplatztheater kam und nunmehr seit 20 Jahren an der Hochschule wirkt, ist längst in München heimisch. Aber er kennt nicht nur den Betrieb an der Arcisstraße, sondern sammelt auch als Gastprofessor an der Hochschule in Cincinnati immer wieder neue Erfahrungen. Obwohl es dort kein Raum-Problem gibt - „der Probensaal ist so groß wie der des Staatsorchesters“ - nennt er Deutschland ein Musik(er)-Paradies. Denn, „ein Drittel aller Berufsorchester dieser Welt soll trotz aller Sparmaßnahmen immer noch in Deutschland sitzen.“ Keine schlechte Bilanz, aber auch eine Herausforderung für die Lehrenden. Vom hohen Niveau des Orchesters schwärmt Konzertmeisterin Deborah Kang, die erst vor einem Jahr aus Berlin nach München wechselte und gerade ihr Meisterklassen-Diplom gemacht hat. Die aus Seoul stammende Geigerin möchte jetzt noch ihr Bratschen-Diplom anhängen und träumt davon, „nicht im, sondern mit einem Orchester zu musizieren“.

Ja, auch mittlerweile renommierte Solistinnen wie Lisa Batiashvili, Julia Fischer, Arabella Steinbacher oder Daniel Müller-Schott spielten - wenigstens streckenweise - im Hochschulorchester. Dass die Verteilung bei den Streichern „frauenlastig“ ist, gibt Nicolai gern zu, und dass viele Asiaten im Orchester sitzen, liegt daran, dass sie „technisch schon fast fertig hier ankommen“. Aber auch junge Studenten aus Tschechien, England, Spanien, Bulgarien, Rumänien, Österreich, Ungarn oder Russland lernen im Münchner Hochschulorchester die musikalische Weltliteratur kennen. Und gelegentlich auch große Dirigenten: So standen Sir Colin Davis, Zubin Mehta oder Mariss Jansons schon am Pult. Im Herbst wird Kent Nagano mit den Studenten Bruckners Sechste erarbeiten und im Herkulessaal aufführen (11. November).

Obwohl die Zahl der Instrumentalisten fließend ist, ist das Orchester allemal groß genug für die echten Brocken von Beethoven über Brahms bis zu Tschaikowsky, Bruckner und Mahler. Wenn das Hochschulorchester heute antritt, musiziert es zunächst Enjott Schneiders „At The Edge Of Time“, hernach zusammen mit dem jungen Solisten Hendrik Blumenroth Schumanns Cello-Konzert. Und zum Abschluss erklingt Dvo(r)áks Symphonie „Aus der Neuen Welt“ - mit ihrem berühmten Hornthema. Flattern den Hornisten dabei dann doch die Nerven? Michael Gredler (25) schmunzelt: „Natürlich ist es ein Thema, das geübt sein will, aber das Horn bekommt immer viel Aufmerksamkeit, man hört es halt!“

Von Gabriele Luster

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