Wie im Hochspannungswerk

- Ob Agnes Baltsa die Carmen unbedingt noch singen muss, diese Frage mag manche umtreiben. Entwaffnend ist: Bei Habanera, Kartenarie oder Séguedille hat die Griechin aktuell mehr Temperament im kleinen Finger, als ein halbes Dutzend Kolleginnen zusammen ausleben können. Und dazu braucht's gar keine rote Rose, Kastagnetten oder das opernüblich Sperrholz-Sevilla. Ein paar konzertante Häppchen, wie jetzt im Münchner Herkulessaal, reichen vollauf.

Verfügte (oder kämpfte) die Baltsa früher mit drei Stimmklängen, so sind‘s nunmehr derer zwei. Und einer davon, der mittlerweile den größten Bereich abdeckt, ist ein ungemischtes bis ungeniertes, sehr offenes Brustregister, das doch etwas gewöhnungsbedürftig ist. Nun konnte Agnes Baltsa noch nie mit säuselnder Mezzo-Süße aufwarten, und für ihren gepfefferten Vortrag, dies gepaart mit enormer Intensität, wurde und wird sie ja auch weltweit geschätzt. Didons Verzweiflungsausbruch aus Berlioz‘ "Trojanern" oder "Amour, vienne" aus Saint-Saens‘ "Samson et Dalila" steht solch herbe Expressivität, mit Einschränkungen auch Santuzzas Klage aus Mascagnis "Cavalleria".

Bei schnellerem Parlando, wo feines Florett und mehr vokales "Schmiermittel" gefragt wären, muss man sich eben an Agnes Baltsas einzigartige Ausstrahlung halten. Beiläufigkeit ist ihr hörbar ein Graus, jede Note wirkt wie im Hochspannungswerk produziert. Davon ließen sich auch die Münchner Symphoniker mit dem umsichtigen Nikos Athinäos am Pult anstecken. Effektvoll etwa Verdis unvermeidliches "Forza"-Vorspiel, die Ouvertüre zu Rossinis "Italienerin in Algier" hatte Pfiff, einzig beim Bacchanal aus "Samson et Dalila" stieß man an Grenzen. Das tönte eher nach Bauchtanz im Robinson-Club ­ woran freilich dem Komponisten eine Teilschuld anzulasten wäre.

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