Hocker und Hierarchie

- Weide, Nadelholz, Schildpatt, Palisander, Messing, Silber, Kupfer, Bein auf Eiche, Perlmutt, Pietra-dura-Tafeln (Stein), Fossilien, Messing sowie Bronze feuervergoldet und Linde vergoldet. All diese Materialien verteilen sich nicht als Grundstoffe und Accessoires auf sämtliche Möbel der Münchner Residenz, nein, sie vereinigen sich in einer Fantasmagorie von Kabinettschrank. Dieses üppige Stück von Johann Georg Esser, das 1680 bis '85 in Augsburg gefertigt wurde, ist eines der Höhepunkte der Ausstellung "Pracht und Zeremoniell - Die Möbel der Residenz München".

<P>Mit dieser Schau hat Finanzminister Kurt Faltlhauser, dem die Schlösser Bayerns zugeordnet sind, seinerseits den Höhepunkt der Belebung des Residenzmuseums erklommen. Allein der neue Eingangsbereich an der Residenzstraße habe ein Besucherplus von 30 Prozent gebracht, verkündet er befriedigt und freut sich fürs kommende Jahr auf die Eröffnung der Allerheiligenhofkirche und des Kabinettgartens.</P><P></P><P>Die Residenz besitzt mit über 1000 Objekten die weltweit beste Möbelsammlung von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert. Die nicht nur sinnenfroh, sondern auch didaktisch klug und informativ präsentierte Ausstellung streicht das Möblement der Schlossanlage heraus (Kuratorin: Brigitte Langer). Zu acht- und ahnungslos ist man früher durch die Säle und Appartements gewandelt. Jetzt erfährt der Betrachter, wie die Ausstattung eingebunden war in die Präsentation von Macht (Pracht und Zeremoniell). So war der Kabinettschrank für Kurfürst Max Emanuel nicht ein Gebrauchsmöbel, sondern ein Vorzeigestück für ausgesuchte Gäste, in dem wiederum nur Kostbarkeiten aufbewahrt wurden. Und so hatte jedes Möbel von der Bett-Truhe fürs Gesinde (tags Truhe, nachts Bett), das im Vorzimmer der Herrschaft schlafen musste, bis zum Tabouret (Polsterhocker) auch seine symbolische, also hierarchische Funktion.</P><P>Der Auftakt des Rundgangs, der durch einen blauen Läufer markiert ist, machen Antiquarium, wo der Fürst öffentlich tafelte (Renaissance-Kredenzen, größtes erhaltenes Majolika-Service des 16. Jhdt.), und die rokoko-jubilierende Ahnengalerie. Dort finden sich die Herrscher, die die Präsentationsschwerpunkte markieren: Kurfürst Maximilian I. werden die Steinzimmer und die Prunkmöbel des 17. Jahrhunderts zugeordnet; Karl Albrecht die Reichen Zimmer und die Möbel des 18. Jahrhundert. Den Abschluss machen König Ludwig I. und das 19. Jahrhundert mit dem noblen, zurückhaltenden Klassizismus eines Klenze. In dieser Abteilung werden nicht nur die Zimmerfluchten Königin Thereses unter Möbel-Gesichtspunkten erläutert, sondern erstmals wieder Objekte aus dem Festsaalbau bezeigt. Der Trakt war durch Bomben 1944 vernichtet worden. </P><P>"Pracht und Zeremoniell" erzählt aber nicht nur von höfischen Gepflogenheiten: zum Beispiel, dass derjenige, der auf dem erwähnten Tabouret sitzen durfte, schon etwas höher in der Rangfolge stand als der, der sich auf die Bank zwischen andere quetschen musste. Oder dass in Abwesenheit des Fürsten dessen Bildnis über dem Thron hing und dieser selbst umgedreht wurde. Die Schau erzählt aber auch von den Höchstleistungen der Kunsthandwerker einst und der Restauratoren heute.</P><P>SIMONE DATTENBERGER <BR><BR>Bis 6. 1. '03, Tel. 089/29 06 71, Katalog, Hirmer Verlag: 29,80 Euro: Begleitprogramm: 089/17 908444, www.pracht-und-zeremoniell.de.</P>

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