Höchste Alarmstufe

- Im ersten Moment glaubte man, es sei der Regieeinfall, auf den man den ganzen Abend über gewartet hatte. Ein gellendes Tü-tata, Tü-tata mitten im vierten Akt. Auf der Bühne des Münchner Residenztheaters läuft gerade die Premiere von Eugene O'Neills Schuld-, Fluch- und Sühne-Drama "Eines langen Tages Reise in die Nacht". Vater James Tyrone und sein jüngster, lungenkranker Sohn Edmund, also Hans Peter Hallwachs und Jens Harzer, befinden sich in heftigster Auseinandersetzung. Plötzlich dieser schrille Alarm, der nicht aufhören will.

<P class=MsoNormal>Schnell wird klar, das ist nicht im Sinne der Regie. Kaum meint man, es habe sich ausgedröhnt, kaum heben die Schauspieler zum Weiterspielen an - der zur Situation passende Stücktext "Wird vom Staat betrieben" gerät zum Bonmot und wird vom Publikum mit Gelächter und Beifall quittiert -, bricht erneut der Sirenenton aus. Mit mehrmaliger Wiederholung. Schließlich gehen Hallwachs und Harzer ab. Und der Intendant tritt auf. Dieter Dorn schickt das erstaunlich unaufgeregte Publikum in eine nicht geplante, längere Pause.</P><P class=MsoNormal>Danach dann weiter im Text. Allerdings, die Luft ist raus, die Spannung im Eimer, das Mitleid mit den Darstellern groß. Am Ende heftiger Beifall für alle. Doch der kann nicht darüber hinwegtäuschen: Die Inszenierung ist buchstäblich in jenem Wasser untergegangen, für das sich Regisseur Elmar Goerden unsinnigerweise über die ganze Bühnenbreite ein entsprechendes Bassin hinsetzen ließ.</P><P class=MsoNormal>Nun, der Grund der Störung war am Abend selbst nicht auszumachen. Ein technischer Defekt, wurde gesagt, Ursache unbekannt. Aber da war es wieder, das Verhängnis, das auf diesem schicksalsgläubigen Stück zu lasten scheint. Denn just in dem Moment, da der Welt der Tod des Papstes bekannt gegeben wurde, zwang die Alarmanlage des Residenztheaters zur Unterbrechung - als habe hier ein allzu frommer Geist des Hauses seine Finger im Spiel gehabt.</P><P class=MsoNormal>Zur Erinnerung: Diese Inszenierung von "Eines langen Tages Reise in die Nacht" hatte ihre Premiere bereits gehabt - im August 2004 bei den Salzburger Festspielen (wir berichteten). Auch sie war nicht problemlos über die Bühne gegangen: Helmut Griem, der den Tyrone spielen sollte, erkrankte schwer; Vadim Glowna sprang kurzfristig ein. Um die Aufführung jetzt am Residenztheater zu zeigen, hat man noch einmal geprobt - mit Hallwachs in der Rolle des Vaters. Wie sich herausstellt, keine weise Entscheidung.</P><P class=MsoNormal>Verstaubter Klassiker </P><P class=MsoNormal>Wenn man nach der Salzburger Premiere noch vermuten durfte, der Grund, dieses doch arg verstaubte Stück zu spielen, sei gewesen, das frühere ideale Schauspielerpaar Froboess/ Griem erneut zusammenzuspannen, zeigt sich nun in München, dass das wohl Goerdens einzige Idee zu dem O'Neill war. Eine andere jedenfalls ist nicht erkennbar. Er brannte nicht, diesen Text zu inszenieren. Er brannte höchstens darauf, mit diesen großartigen Schauspielern zu arbeiten. Dass er die Geschichte, die zwar 1940 geschrieben wurde, aber vor dem Ersten Weltkrieg spielt, in die 50er-Jahre verlegt, ist kaum mehr als Regieschminke, die das Unzeitgemäße dieses amerikanischen Klassikers übertünchen soll.</P><P class=MsoNormal>Die Aufführung erscheint als Museum noch aus einem anderen Grund. Zwar können die Zuschauer hier das hochdifferenzierte Spiel der Cornelia Froboess in der Rolle der morphiumsüchtigen Mutter bewundern. Sie können sehen, wie überzeugend Rainer Bock als James seine Lebenstrauer hinter der Maske des Zynikers verbirgt. Und sie können erleben, mit welch darstellerischer Sensibilität und Intelligenz Jens Harzer den todkranken Edmund provozierend in die Selbstzerstörung treibt. Und wie die drei untereinander durch Liebe, Hass und Egozentrik aneinander gekettet sind.</P><P class=MsoNormal>Museal wird der Abend dadurch, dass sich dieses Trio der Meisterspieler verpuppt hat in dem Kokon der alten Inszenierung. Als Neuzugang hat Hans Peter Hallwachs keine Chance, da einzudringen. Es könnte vermutlich jeder kommen: Froboess, Harzer und Bock würden ihr Spiel nicht anders entwickeln. Was sie aber sollten. Denn wenn dieses Stück unbedingt sein muss: Künstlerische Gültigkeit hätte es höchstens durch eine absolute Neuinszenierung bekommen.</P>

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