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Malcolm Young gilt als einer der besten Rhythmusgitarristen der Welt.

Nachruf auf Malcolm Young (1953-2017)

Der Höllen-Glöckner von AC/DC

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Zusammen mit seinem Bruder Angus gründete Malcolm Young 1973 AC/DC und schrieb Rockgeschichte. Jetzt ist der Gitarrist nach langer Krankheit im Alter von 64 Jahren gestorben. 

München – Sein Platz auf der Bühne war – vom Publikum aus betrachtet – in der zweiten Reihe, etwas links vom Schlagzeug. Vor seinen Verstärkern stand Malcolm Young mit seiner Gretsch-Gitarre, und es ist nicht übertrieben, den Bewegungsradius, den er sich während eines Konzerts seiner Band AC/DC zugestand, „überschaubar“ zu nennen. Auf wenigen Quadratmetern erledigte Young seinen Job mit einer Gewissenhaftigkeit, die schon im normalen Leben ungewöhnlich wäre. Im Rockzirkus machten ihn seine Einstellung, sein Arbeitsethos zur Ausnahme – und zu einem der besten Rhythmusgitarristen weltweit.

Man sollte jetzt nicht den Fehler machen zu denken, dass Youngs Position, auf der er rund 40 Jahre bei Auftritten von AC/DC zu finden war, irgendetwas aussagt über seine Rolle in der australischen Band. Nein, man kann seine Bedeutung für AC/DC nicht überschätzen. Er hat die Gruppe zusammen mit seinem Bruder Angus gegründet, er hat den taffen, treibenden Sound entwickelt, von ihm stammen die Riffs, die stets neue Generationen von Fans begeisterten und die Stadien dieser Welt zum Toben brachten.

Denn erst Malcolm Youngs stets so irritierend gelassene Arbeit an der Rhythmusgitarre brachte AC/DC auf Betriebstemperatur. Er war der Glöckner, der die Höllenglocken in Bewegung setzte; sein zwei Jahre jüngerer Bruder das Teufelchen, das auf ihnen ritt. Angus gehörte die Bühnenrampe, von ganz links bis ganz rechts und auf einem Steg mitten hinein ins Publikum: Er ist die Identifikationsfigur der Band. Schrill, schräg, Schuluniform. Doch Malcolm war AC/DCs Sprengmeister, er ließ die Songs detonieren. Mit Nummern wie „Highway to Hell“, „Back in Black“, „Hells Bells“ und „Thunderstruck“ hat er der Rockmusik zeitlose Klassiker geschenkt.

Geboren wurde Malcolm Young 1953 als siebtes von acht Kindern im schottischen Glasgow. Als sein Vater William, ein einfacher Arbeiter, keine Anstellung mehr fand, um die Familie zu ernähren, wanderten die Youngs 1963 nach Australien aus. Zwei Jahre später nahmen The Who „My Generation“ auf, und um Malcolm war es geschehen. Mit 15 schmiss er die Schule, malochte am Fließband. „Ich habe mich nie als Rockstar gefühlt“, sollte er 2008 im Interview mit dem „Rolling Stone“ sagen. „Das kommt von der Fabrikarbeit. Diese Welt vergisst du nicht.“

1973 gründeten die Young-Brüder AC/DC

Zwei Brüder, die Musikgeschichte schrieben: Angus und Malcolm Young (re.).

Young versuchte, sich als Gitarrist durchzuschlagen. Erfolglos. Fünf Jahre später, 1973, gründete er mit Angus AC/DC, sein Bruder wurde Leadgitarrist. Und die Ochsentour begann. Durch ihren erst vor wenigen Wochen verstorbenen Bruder George, der bei den Easybeats Gitarre spielte, lernten Malcolm und Angus 1974 den Sänger Bon Scott kennen; 1975 erschienen das Debüt „High Voltage“ sowie der Nachfolger „T.N.T.“.

Anfang der Siebziger dominierte Bombast-Rock die Szene, wahlweise mit sphärisch-schwebenden oder verzwickt-vertrackten Synthesizer-Läufen und Soli-Simsalabim. Hauptsache die Musik war aufgeblasen. Ganz anders bei den Australiern. Eine AC/DC-Nummer kommt schnell auf den Punkt. Immer. Das ist Rock’n’Roll-Gesetz. Und es war Malcolm, der es formulierte und ausarbeitete. Er verschlankte und reduzierte das Material, um das eineRiff herauszudestillieren, das sofort im Gehörgang zündet und den Körper erschüttert. Die DNA seiner Musik liegt im Blues und verweist auf den Rock’n’Roll eines Chuck Berry.

Schreckensjahre für die Band waren 1980 und 2014

Young war es auch, der die Band in ihrem Schreckensjahr 1980 zusammenhielt. Nach einer durchsoffenen Nacht wachte Bon Scott nicht mehr auf. Doch nur fünf Monate später brachten AC/DC ihr Über-Album „Back in Black“ mit dem neuen Sänger Brian Johnson auf den Markt. Es war der Freifahrtschein auf den Rockolymp. Fortan konnten der Band alle Moden wurscht sein; AC/DC war eine eigene Marke. Und selbst wenn nicht jedes Studioalbum überzeugen konnte: live funktionierte das Konzept. Verlässlich.

2014 erlebte die Gruppe dann das schwerste Jahr seit 1980. Nachdem die Gerüchte bereits wild wucherten, teilten AC/DC mit, dass Malcolm Young an Demenz leide und die Band verlassen habe. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Musiker bereits in einem Pflegeheim betreut.

Das letzte Album, das im November desselben Jahres erschien, führt zwar beide Brüder gemeinschaftlich wie in den Jahrzehnten zuvor als Komponisten auf. Die Rhythmusgitarre spielt auf „Rock or Bust“ aber Stevie. Youngs Neffe vertrat ihn bereits 1988 auf Tour, an der er wegen seiner Alkoholerkrankung nicht teilnehmen konnte. „Rock the Blues away“ heißt eine der stärksten Nummern der Platte. Folgerichtig machten AC/DC weiter, gingen auf Welttournee – mit dem Einverständnis des Erkrankten. Anders war das von ihm, dem präzisen Arbeiter im Dienst der Sache, nicht zu erwarten.

Am Samstag ist Malcolm Young im Alter von 64 Jahren gestorben. „Als Bruder kann ich schwer in Worte fassen, was er für mich mein Leben lang bedeutet hat“, erklärt Angus auf der AC/DC-Homepage. „Unsere Verbindung war einzigartig und sehr besonders. Er hinterlässt ein großes Vermächtnis, das unsterblich ist. Malcolm, gut gemacht.“ Bleibt nur, den Titel des 81er-Albums hinzuzufügen: „For those about to Rock – we salute you“

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