Höllenfahrt im Rotlichtviertel

- Hof - Dass in der Provinz das Kino zu sich selbst finden könnte, ist schon im 36. Jahr das Credo der Hofer Filmtage. Nirgendwo kann man in so kurzer Zeit den größten Teil der Jahresproduktion überblicken, in Kurzfilmen den ersten, viel versprechenden Talentproben von Hochschülern nachspüren.

Dass in der Provinz das Kino zu sich selbst finden könnte, ist schon im 36. Jahr das Credo der Hofer Filmtage. Nirgendwo kann man in so kurzer Zeit den größten Teil der Jahresproduktion überblicken, in Kurzfilmen den ersten, viel versprechenden Talentproben von Hochschülern nachspüren.Zum Beispiel Michael Dreher und Matthias Kiefersauer. <BR><BR>Zwar könnten "Liveschaltung" und "Wunderbare Tage" unterschiedlicher kaum sein: Während Dreher in kühlen Bildern ein an Houellebecq erinnerndes Szenario depressiven Massentourismus' entfaltet, stöbert Kiefersauer zu Klängen der "Sportfreunde Stiller" einer Bayernerfahrung nach, die an Valentin und Dietl erinnert, ohne das man Stoiber ganz vergisst.<BR>"Junimond" von Regisseur Hanno Hackfort spielt in Paderborn: Die zwei, die es hierhin verschlagen hat, suchen nicht Rettung oder Trost, sondern einfach nur die Abwesenheit ihrer Traumata, ein erschöpftes Selbstvergessen, dem der trotzige Stolz aller Provinzverklärungen fehlt. <BR><BR>Dezenz ist das Grundmerkmal dieses schönen Films, der vom glänzenden Auftritt seiner Hauptdarsteller Laura Tonke und Oliver Mommsen profitiert. Vielleicht sollte, wenn nach der Zukunft des deutschen Kinos gefragt wird, weniger von Regisseuren die Rede sein als von Schauspielern. Mehr als einmal retten sie einen Film: Etwa Bernadette Heerwagen in René Heisigs "Geht nicht, gibt's nicht". Ein Werk das an seinem bieder-platten Drehbuch zugrunde ginge - wäre da nicht die junge Hauptdarstellerin, die selbst krudesten Dialogen eine trockene Wahrhaftigkeit abtrotzt.<BR><BR>Dominik Grafs "Hotte im Paradies", eine Seelenanalyse des Berliner Rotlichtmilieus, musste sich erst durch den Klischee-Ballast aller TV-Zuhälter und Film-Nutten hindurcharbeiten. Auf die Utopie eines anderen Lebens folgt die Höllenfahrt - oft lässt die Story an "Casino" und andere Scorsese-Filme denken. Graf betont das Schillernde und Mehrdeutige. Seine Hauptfigur Hotte konfrontiert er mit drei starken Frauen, gespielt von Birge Schade, Isabell Gerschke und Nadeshda Bennicke, die wie Spiegel die unterschiedlichen Facetten Hottes erst entstehen lassen.<BR><BR>Eine Herausforderung besonderer Art stellt das Gegenwartskino Österreichs dar. Die dortigen Regisseure finden im Unmittelbaren der Provinz das Allgemeine, stellen das Private neben das Politische. "Zur Lage" nennt sich ein dokumentarisches Episodenwerk von vier Wiener Filmemachern. Der stärkste Beitrag stammte von Barbara Albert ("Nordrand"): Indem sie acht etwa gleichaltrige Frauen vorstellt, subtil Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum Vorschein bringt, gelingt ihr eine treffende Lageanalyse jenseits aller Pamphlete und ohne Preisgabe ihrer Figuren - ein herausragendes Beispiel für das, was politisches Kino heute heißen könnte, und zugleich für ein nüchternes Realitätsinteresse, das deutschen Filmen fast immer noch fehlt.

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