Der Hörer ist baff

- Ohne das heil'ge Stück gleich zu beschmutzen: Ein Problem hat Wagners "Tannhäuser" schon. Denn wenn die Ouvertüre so gespielt wird, wenn sich der Dirigent so tief in die Verästelungen hineindenkt, die dramatische Entwicklung und musikalische Eskalation so vorführt, dann sinkt der Hörer baff im Sitz zurück. Sollte das Beste der Oper damit schon vorbei sein? Mit der enorm bejubelten Wiederaufnahme bei den Bayreuther Festspielen hat Christian Thielemann jedenfalls klar gemacht, wer hier Platzhirsch im Graben ist. Drang während der Eröffnungswoche bislang Solides bis Tatendurstiges aus dem Dunkel, so war jetzt zu erleben, was am Grünen Hügel eben auch möglich ist - oder immer sein sollte?

Als Erholung vom Kraftakt Ouvertüre spazierten Thielemann und Orchester zwar locker durch den ersten Akt, packten nach der Pause aber wieder zu. Der "Einzug der Gäste" erhob sich als martialisches Klang-Monument, Höhepunkt allerdings das Finale des zweiten Akts. Dort, wo andere diffuse Wucht produzieren, wurde hörbar, wie überlegen Thielemann strukturieren kann. Wie genau er vokale Linien emanzipiert, Korrespondenzen zum Orchester verdeutlicht und die eigentlich statische Situation ins Oszillieren bringt.

Dabei kann man den GMD der Münchner Philharmoniker auf keinen "Stil" verengen. Thielemann ist eher das Chamäleon. Einer, der aus der dramatischen Notwendigkeit heraus denkt und auch gern, wenn es der Augenblick erfordert, Neues ausprobiert oder die Spannung einer Generalpause enervierend auskosten kann.

Beim "Sängerkrieg" und im todesumwehten dritten Akt zauberte Thielemann dann berückende, innige Momente - was freilich nur mit erstklassigen Gestaltungskünstlern funktioniert. Roman Trekel ist einer davon. Nach der ungesunden Partie des Heerrufers im "Lohengrin" fand er als Wolfram zu einem intimen, gebrochenen Melos zurück, wiewohl die Stimme nicht mehr barrierefrei flutete. Stephen Gould in der Titelpartie klang etwas belegter als bei seinem 2004er-Debüt, führte aber vor, dass heldische Emphase und lyrische Kultur keine Gegensätze sein müssen.

Regie-Kitschkiste

Judit Nemeths Venus suchte Liebesglut meist in der stimmlichen Entladung, und Ricarda Merbeth sang eine viel profiliertere und jubelndere Elisabeth als in den letzten Jahren. Erstmals dabei ist Guido Jentjens. Und seine helle Sonorität, seine jugendliche Erscheinung fügten dem Landgrafen neue, aparte Facetten hinzu.

Ein starkes musikalische Team also - das folglich dringend eine andere Inszenierung braucht. Philippe Arlauds kunterbunte Kitschkiste ist zwar nicht mehr Verpackung ohne Inhalt. Denn Arlaud hat gearbeitet, offenbar an der Personenführung. Doch führte das zuweilen zu parodistischen Elementen oder im Venusberg zu einer als Erotik etikettierten Fummelei, die Tannhäuser eigentlich nur eine Entscheidung offen lässt: Aufs kräftezehrende Minnelied verzichten und der Göttin samt drei Grazien am besten gleich den Rücken kehren.

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