Den Hörer matt gesetzt

- Vom zarten Märchenzauber zur brutalen Urgewalt ist es nur ein Katzensprung. Zumindest für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und für den elektrisierenden Esa-Pekka Salonen. Sie eröffneten das Konzert im Münchner Herkulessaal ganz "harmlos", mit Ravels zauberischen Kinderstücken "Ma mè`re l'oye", in denen der Komponist erzählt von Dornröschen, vom Däumling oder der Schönen und dem Biest.

Mit bloßen Händen, ohne Taktstock, formte Salonen diese fragilen Gebilde in winzigen, weichen Gesten. Das Orchester reagierte mit äußerster Transparenz, beschwor den Duft des Exotischen, gab dem Walzer des schön-schaurigen Paars Geschmeidigkeit und ließ im Feen-Garten die volle (orchestrale) Pracht aufbrechen.<BR><BR>Danach entpuppte sich Lutoslawskis einsätzige vierte Symphonie als idealer Wegbereiter für Strawinskys "Le Sacre du printemps". Differenziert gearbeitet, verbindet sie feinste, gläserne Farbmischungen mit enormen Verdichtungen und abrupten Eruptionen, kraftvolle aleatorische Sequenzen und opernhaftes Aufrauschen. Die BR-Symphoniker blieben dem Opus unter Salonens inspirierender, fordernder Leitung nichts schuldig und wirkten danach perfekt eingestimmt für die Herausforderungen des "Sacre".<BR><BR>Salonen bot beinahe die Quadratur des Kreises: eine totale Entfesselung archaischer Ur-Kräfte auf höchster Präzisionsstufe. Diese seltene Kombination, in der Strawinskys Radikalität und die bis heute nicht abgeschwächte Modernität offenbar wurden, versetzte auch den Zuhörer in einen Ausnahmezustand. Die grellen Klänge, die stets wechselnden, brutalen, orgiastischen Rhythmen - in äußerster Perfektion realisiert - setzten ihn matt. Enthusiastischer Beifall für die BR-Symphoniker, die unter dem furiosen, sympathischen Salonen ihre Sonderklasse bestätigt hatten.<BR><BR>

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