Hört auf die Experten

- Die Stadt München ehrt ihn am Donnerstag mit dem Kulturellen Ehrenpreis. Doch nicht deshalb ist Sir Peter Jonas, Intendant der Bayerischen Staatsoper, in die Schlagzeilen geraten, sondern wegen seines Brandbriefs gegen Finanzkürzungen. Um insgesamt 4,8 Millionen Euro sollen alle Staatstheater 2004 ihre Ausgaben senken (wir berichteten) - eine Summe, die laut Jonas außerhalb jeder Möglichkeiten liegt. Er schrieb daher vor der Kreuther Klausurtagung an die CSU-Landtagsabgeordneten.

<P>Auch die Stadt nimmt Ihnen fast eine halbe Million Euro: Haben Sie überhaupt Lust, den Ehrenpreis anzunehmen?<BR>Jonas: Natürlich. Es stimmt ja nicht ganz. Die Stadt nimmt fast eine halbe Million vom Finanztransfer zum Wissenschaftsministerium für die Staatstheater. Ich bin nicht böse auf die Stadt. Ich kritisiere sie, vor allem den Freistaat, der uns Sparmaßnahmen aufbürdet, die nicht zu erfüllen sind.</P><P>Warum dieser Brandbrief?<BR>Jonas: Ich habe nur ganz nüchtern Zahlen genannt. Nachdem der Brief bekannt wurde, kam übrigens vom Ministerium ein Umschlag _ vielleicht von einem Sympathisanten _ mit einer nichtöffentlichen Ministerialvorlage vom Dezember. Da drin stehen Sätze wie: Weil bei der Staatsoper, was Verträge und Festlegungen für die nächsten Jahre angeht, alles disponiert sei, "ist die geforderte Ausgabenkürzung bei den Betriebsausgaben nicht realisierbar. Damit verstößt eine Veranschlagung im Haushaltsentwurf gegen haushaltsrechtliche Bestimmungen." Und weiter: "Sollte an der Forderung für 2004 festgehalten werden, ist ein Defizit der Staatstheater in der entsprechenden Größenordnung nahezu unausweichlich." Von daher ist es schade, wenn mir vorgeworfen wurde, mein Brief sei "zur Unzeit" gekommen. Er ist nicht zur Unzeit für uns, sondern für den Minister gekommen.</P><P>Fühlen Sie sich an der Staatsoper bestraft?<BR>Jonas: Wir hatten 2003 ein Rekordeinnahmejahr. Gerade in den für andere so schwierigen Monaten des vergangenen Herbstes hatten wir stets volles Haus. Wir haben die Sponsorengelder um 300 Prozent erhöht. Und wir haben gespart, dank aller Abteilungen des Hauses. Wir versuchen nun auch, für 2004 1,5 Millionen Euro zu sparen. Wenn man alle Fixkosten abzieht, haben wir einen "freien Etat" von neun Millionen. Davon 1,5 Millionen, das ist doch eine Riesensumme.</P><P>Es scheint, als störe Sie nicht nur die Höhe der Summe, sondern auch das, was damit verbunden ist.<BR>Jonas: So eine Sache ist in der subventionierten Kunst in Deutschland bislang nicht passiert. Normalerweise werden Zuschüsse gesenkt. Stoiber und Goppel verlangen aber, dass wir unsere Ausgaben senken. Das heißt: Sollte mir etwa ein Münchner Zeitungsverleger zehn Millionen Euro für zwei Jahre geben, dann darf ich das Geld nicht ausgeben, wie ich will. Oder: Wir haben entschieden, dass ein Ballettabend gegen eine zusätzliche "Traviata" mit Anna Netrebko ausgetauscht wird. Diese Aufführung mag mehr als das Ballett kosten, bringt aber viel mehr ein. Etwas Derartiges wäre mir künftig verboten.</P><P>Wäre eine andere Rechtsform die Lösung?<BR>Jonas: Ich habe schon vor einiger Zeit vorgeschlagen: Wenn dies Stoibers Reformland sein soll, dann macht auch eine Opernreform. Lasst uns die Staatsoper als privatisierten, als staatlichen Eigenbetrieb führen. Der Rechnungshof hat uns 100-prozentig unterstützt. Trotzdem: abgelehnt.</P><P>Nehmen wir an, Einsparungen in dieser Höhe werden auch in den Folgejahren verlangt. Worauf steuert die Bayerische Staatsoper dann zu?<BR>Jonas: Wir haben die längste Spielzeit der Welt und die größte Zahl der Vorstellungen. Pfingsten und der Saisonbeginn bis einschließlich Oktoberfest sind immer etwas dünn von der Nachfrage her. Also könnten wir zum Beispiel die Saison um sechs Wochen verkürzen. Dann haben wir weniger Vorstellungen, vielleicht eine Neuproduktion weniger. Doch analysieren wir das finanziell, dann heißt dies, dass der staatliche Zuschuss pro Sitzplatz und Vorstellung rasant ansteigt. Und irgendwann, 2020 vielleicht, ist Oper eine marginale Kunst, die sich nur die Reichen leisten können. San Francisco etwa hat nur 72 Aufführungen pro Saison _ und jede kostet 1,2 Millionen Dollar.</P><P>Dann verliert also die Bayerische Staatsoper ihre Flaggschiff-Funktion.<BR>Jonas: Genau. Wir haben nie gemeckert über angeblich zu niedrige Zuschüsse. Aber zu sagen, wie es jetzt der Minister getan hat, wir seien überproportional in den letzten Jahren bedacht worden, stimmt einfach nicht. Seit 1993 haben wir eine Zuschusssteigerung von 10,9 Prozent, Bremen dagegen 12,6, Köln 13,3, Stuttgart 20,7, Mainz 29,3 und Zürich immerhin 34,5 Prozent. Überproportional? Wir wurden fair behandelt.</P><P>Muss Ihr Haus für eine Reform bluten, die jemand auf Biegen und Brechen durchziehen will?<BR>Jonas: Ja. Ein enger Mitarbeiter von Herrn Stoiber sagte mir auch: Die Großen müssen bluten. Ich habe das Gefühl, es dreht sich hier um Politik, nicht um die Sache.</P><P>Die Lösung?<BR>Jonas: Dinge mit Bedacht vorantreiben. Und: Hört auf die Experten! Es ist hier wie beim Haushofmeister in der "Ariadne": Sein Herr möchte eine Tragödie und eine Komödie gleichzeitig aufgeführt haben. Und er meint bloß: Wie Sie das machen, ist Ihr Bier.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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