Der Hofdichter als Staatsfeind

- Amiri Baraka ist radikal. Schon immer und mit inzwischen 70 Jahren nicht weniger als zu seinen Hochzeiten als nationalistisch-militanter Sprecher der Black-Power-Bewegung in den Sechzigern. Damals war er nach Harlem gezogen, hatte das "Black Arts Repertory Theatre" gegründet und sich seinen jetzigen Namen zugelegt. Ursprünglich hatte er LeRoi Jones geheißen. Die militant-afroamerikanische Phase ging vorüber, seit den Siebzigern geht er als Marxist durch und bekämpft das Großkapital, wo er kann, vor allem natürlich in seinen Gedichten und Aufsätzen.

<P>Baraka ist ein politischer Schriftsteller, wie es ihn sonst kaum mehr gibt. Gern spricht er über die Großkonzerne, die die Welt regierten: "Wer denkst du ist mächtiger, Gerhard Schröder oder Volkswagen?", fragt er suggestiv. Fast automatisch kommt er auf seine eigene umstrittene Situation als Autor in den Vereinigten Staaten zu sprechen. "Der Hofdichter ist ein Feind des Staates", sagt er und spielt damit auf seine Rolle als "Poet Laureate" von New Jersey an. Mit seinem Gedicht "Somebody blew up America" (Jemand ließ Amerika explodieren) über den Terroranschlag aufs World-Trade-Center hatte er für einen Eklat gesorgt. Es war ihm als antisemitisch ausgelegt worden, und da er freiwillig nicht von seiner Ehrenposition als erster Dichter von New Jersey zurücktreten wollte, schaffte der Staat die Position kurzerhand ab, um ihn loszuwerden.</P><P>"Sie betrachten mich als Staatsfeind", meint Baraka. "Sie", das seien alle Politiker "von Bush abwärts". Es erübrigt sich also fast, nach der US-Wahl und dem Präsidenten zu fragen. Es kommt wie erwartet: "Bush ist ein Verbrecher. Ich glaube nicht, dass er wirklich gewählt wurde, nicht vom Volk", sagt er.</P><P>Seit Mitte der Sechziger sind Barakas Gedichte und Dramen geprägt vom Kampf für schwarze Bürgerrechte und der Suche nach dem afroamerikanischen Selbstverständnis. Am Anfang dieser Entwicklung steht ein Buch über Musik, in dem er die Grundlagen einer schwarzen Ästhetik legte. "Blues People" von 1964 erzählt die Geschichte des Jazz als die Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung. Orange-Press hat es 2003 als Neuübersetzung veröffentlicht, und es zeigt einen zahmen Baraka, ganz anders als den sonst agitierenden Provokateur. Doch auch mit seinen Musiktexten hat er Probleme: "Ich habe noch einige andere Bücher über Jazz geschrieben, aber die Verlage wollen sie nicht veröffentlichen."</P>Amiri Baraka liest an diesem Sonntag, 20 Uhr, im Café´ der Münchner Muffathalle.

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