Hoffnung in der Hölle

- Es war einmal . . . ein Kissenmann. Der kam zu Menschen, die sich nach fürchterlichen Qualen umbringen wollten und schlug ihnen vor, die Zeit bis zur Kindheit zurückzudrehen. Nachdem sie wieder Kinder geworden waren, warnte er die Kleinen vor ihrer entsetzlichen Zukunft und bot ihnen als Ausweg einen tödlichen Unfall. Selbst depressiv geworden, "erlöste" ihn ein Kissenbub durch Selbstverbrennung, und der Kissenmann seinerseits löste sich auf - noch das Schreien der verzweifelnden Kinder im Ohr.

<P>Solche Geschichten erzählt Martin McDonagh, 1971 in London geboren, in seinem Stück "Der Kissenmann", das am Samstagabend im Münchner Residenztheater unter der Regie von Hans-Ulrich Becker Premiere hatte. Ob in den Binnen-Erzählungen, ob im rahmenden Drama, die Welt ist eine von Tätern, die Opfer waren/sind, und von Opfern, die Täter waren/sind/werden. Schuld und Entschuldigung sind schmerzhaft ineinander verkeilt. Kunst, Hoffnung, Liebe sind Ahnungen in einer Hölle, in der alle böse und gut zugleich sind. Mit Hilfe dieses Rahmen-Dramas kann McDonagh aber auch das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit erforschen: Was bewirkt Literatur in der Realität? Da sind Katurians Eltern, die ihn zum Schriftsteller machten, indem sie seinen Bruder quälten und er es anhören musste. Da sind die Schergen des Unrechtsstaats, die womöglich denken, seine Märchen sind subversiv. Da ist sein Bruder, der die Geschichten "in Echt" nachgespielt hat - mit tödlichem Ausgang. Da ist der Polizist, der seine "Philosophie" in einer Erzählung verdeutlicht.</P><P>McDonagh hat seinem "Kissenmann" ziemlich viel aufgebürdet, schüttelt die Plumeaus aber so geschickt auf, dass kein fades ethisch-theaterwissenschaftliches Seminar durchzustehen ist. Genau das zitiert spitzbübisch die Inszenierung. Ganz rezitierender Schauspieler - schließlich zeichnet sich das Bayerische Staatsschauspiel zurzeit auch durch großartige Lesungen aus _ setzt sich Christian Nickel (Katurian) an den mittleren der drei Tagungsraum-Tische aus den 70ern und liest die erste Geschichte. Es gibt den Overheadprojektor genauso wie das typische Getränke-Sortiment. Nur Telefon, Folterapparatur oder Armeedecken tippen mitunter die Räume Vernehmungszimmer oder Zelle an, löschen aber nie völlig die Situation der Lesung.</P><P>Virtuos, weil unglaublich fein und klug dosiert, bedienen Nickel und Oliver Nägele als Inspektor Tupolski das Spiel mit dem Spiel mit dem Spiel. Sind mal ganz Intellektueller und Verhörbeamter, die ihre strategischen Züge berechnen, sind mal die Darsteller, die präsentieren, wie man so etwas spielt. Erweitert wird dieses Duo aus dem Kammerspiel-Kabinett um den leicht verrückten Serienkiller und den fiesen Bullen, die man aus Kino und Fernsehen kennt. Michael von Au und Marcus Calvin führen die Klischees genießerisch vor, um sie, McDonagh und der Regie folgend, bisweilen hübsch irritierend zu unterlaufen: der kindlich-liebe, schmollbereite Kindermörder und der sentimental-brutale Kinderschützer.</P><P>"Das ist eine Wendung", triumphiert Katurian/Nickel und schnalzt mit den Fingern. Will sagen: Das ist der Trick all der Erzählungen und natürlich des Stücks - und der Inszenierung. Nonchalant, aber nie nachlässig, exakt ausbalanciert zwischen Witz und Horror, Unterhaltung und Belehrung ironisieren Regisseur und Schauspieler das ganz Theater-Unternehmen, ohne den heiligen Ernst aufzugeben, Kunst schaffen zu wollen, Aufklärung zu leisten. Ein in seiner Unaufwändigkeit aufwändiger Abend. </P>

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