Die Hoffnung kommt zuletzt

- Gegen diesen Auftritt kam keine Inszenierung an: Die Wiedereröffnung des kostspielig und auf den ersten Blick sehr gelungen sanierten Schauspielhauses stach alles aus - die Inszenierungen im Interimsschauplatz Neues Haus sowieso, aber auch die Neuproduktionen fürs Theater an der Maximilianstraße selbst. So lange man das geliebte Jugendstilhaus mehr bewundert als das, wofür es eigentlich gebaut wurde, also als das, was auf der Bühne zu sehen ist, gilt für Intendant Frank Baumbauer: Klassenziel nicht erreicht.

<P>Die Ersatzspielstätten lassen sich rückblickend schnell abhaken. Dass wir die Jutierhalle in guter Erinnerung behalten werden - die Kammerspiele mussten sie mit Ende der Saison wieder abgeben -, ist Andreas Kriegenburg zu verdanken: Er setzte mit inszenatorischer Maßlosigkeit die "Orestie" des Aischylos als absolute Großstadtproduktion mitten hinein in den sonst eher provinzigen Theateralltag. Eine Aufführung mit großem Atem, der, wenn sie manchmal auch an allzu vielen Einfällen zu ersticken drohte, letztlich doch nie die Luft wegblieb.</P><P>Absolut kurzatmig dafür aber die zweite Premiere in der Jutierhalle, "Heiliger Krieg". Gut gemeint und nichts gewonnen: Den Dramatiker Rainald Goetz in seiner Heimatstadt künstlerisch gültig zu Wort kommen zu lassen, dafür war das wohl a) der ungeeignetste Text und b) die unpassendste Inszenierung (Lars-Ole Walburg).</P><P>Ohne Konturen blieb das Programm, das die Kammerspiele fürs Neue Haus aufgelegt hatten: die Jelinek-Uraufführung "In den Alpen" hechelte einer falsch verstandenen Aktualität hinterher, indem sie das Seilbahnunglück von Kaprun für die Bühne verwurstet hat. Eigens dazu angereist: Regisseur Christoph Marthaler. Er kam, sang und siegte. Das heißt, er machte das Beste beziehungsweise Leichteste aus diesem Stoff. Ware mit schnellem Verfallsdatum. Das ist leider so manche Produktion an diesem Haus. Einen Heiner Müller zum Abgewöhnen - "Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten" - steuerte Regisseurin Thirza Bruncken bei. Und Christina Paulhofer scheiterte mit ihrer ersten Münchner Inszenierung, mit Bernard-Marie Koltè`s' "Sallinger".</P><P>Der gute alte Lessing</P><P>Von einem überzeugenden künstlerisch - ästhetischen Konzept konnte bis dahin nicht die Rede sein. Welchen Einfluss nahm bislang eigentlich die Dramaturgie? Verschliss sie sich mit Zweitrangigem? Legte sie Ehrgeiz darein, dass man weniger von den Aufführungen als vom Theater-Jugendklub "M8 mit", vom Wochenende junger Dramatiker, von Nachtschicht und Kammerschau spricht? Das ist ja alles schön und gut. Doch die Stunde der Wahrheit schlägt abends auf der Bühne. Mehr Konzept, weniger Konzepttheater! Eitelkeit ist ein schlechter Berater, wenn's um Kunst geht.</P><P>Das sah man bei der Eröffnungspremiere fürs Schauspielhaus, bei "Othello". Das Ärgerlichste an dieser Aufführung ist nicht der Etikettenschwindel mit dem Namen Shakespeare, nicht die Vulgarisierung des Textes, nicht die Verflachung des großen dramatischen Stoffs und auch nicht, dass hinter einer Scheinmodernität zum Teil ganz altmodisches Einfühlungs- und Sabbertheater gespielt wird. Nein, das Ärgerlichste ist die aufs Fernsehen ausgerichtete Kommerzialität - à` la longue der Tod des Theaters - und die Tatsache, dass diese Arbeit des Regisseurs Luk Perceval und seines Titeldarstellers Thomas Thieme offenbar frei war von jedem Zweifel an sich selbst. Und darum also langweilig.</P><P>Viel zu leicht machte es sich auch Franz Wittenbrink. Sein szenischer Liederabend "Metamorphosen" sahnt zwar beim Publikum ab, blieb aber insgesamt zu banal. Klamotte ja, Arien durchaus, Schlager auch gut - aber das alles doch bitte mit mehr Hintersinn und Selbstironie. Imitate an sich sind nicht komisch.</P><P>Dass Münchens Stadttheater nicht gänzlich umsonst restauriert wurde, dafür sorgte neben Jossi Wielers Inszenierung "Das Fest des Lamms" von Leonora Carrington, einem ziemlich verqueren Stück, der gute alte Lessing und sein junger Regisseur. Stephan Rottkamp brachte "Miss Sara Sampson" auf die Bühne _ und hauchte ihr damit jenes Leben ein, das man von ihr erwartet. Eine frische, intelligente Arbeit, mit Witz, Ironie, Zeitgenossenschaft und der notwendigen Portion Tragik. Die Schauspieler blühen auf, allen voran Caroline Ebner, Nina Kunzendorf, Hans Kremer. Zum Schluss also ein bisschen Hoffnung auf Kommendes.</P>

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