In der Hoffnung auf Neugierige

- Er war jahrelang in Frankfurt Opernchef und stand danach 15 Jahre an der Spitze des SWF-Symphonieorchesters, das ihn 2002 (zu seinem 75. Geburtstag) zum "Ehrendirigenten" ernannte. Aber im allgemeinen Bewusstsein hat sich sein Name eher am Rande gefestigt: dort, wo die "Neue Musik" zu Hause ist.

Für sie hat Michael Gielen sich unbeirrbar eingesetzt, schon in jungen Jahren als Pianist, später als Dirigent - natürlich auch in Donaueschingen - und nicht zuletzt in seinen meist schwer zu realisierenden Kompositionen. Das alles trägt nicht zu einer möglichen Popularität bei; als ein "konservativer Avantgardist" ist Michael Gielen dem von ihm verehrten und immer wieder interpretierten Arnold Schönberg geistesverwandt.

Mag sein, dass diese Ähnlichkeit auch in seiner zutiefst österreichischen Grundhaltung verwurzelt ist. Dass er in Dresden zur Welt kam, hängt mit einem Engagement seines Vaters Josef Gielen zusammen. Der damalige Schauspieler und Regisseur wurde später als Burgtheaterdirektor berühmt. Überhaupt die Verwandtschaft: Tante Salka war mit Berthold Viertel verheiratet, seines Vaters Vorgänger in Dresden (und späteren Brecht-Mitarbeiters), seine Mutter war die Schwester des Pianisten und Schönberg-Schülers Eduard Steuermann.

Aus dem argentinischen Exil nach Wien

Vieles weiß Gielen in seiner Autobiografie (die den umfangreichen ersten Teil des Buches einnimmt)  über  die unmittelbare Nachkriegszeit in Wien zu berichten, wohin die Gielens aus ihrem argentinischen Exil gezogen waren, besonders natürlich übers Burgtheater, wo damals - auch - Werner Krauss Triumphe feierte, über dessen politische Belastungen Gielen kein Wort verliert.

Eines muss dem Leser dieser "Erinnerungen" besonders auffallen: die Diskrepanz zwischen Gielens bedingungsloser Strenge im künstlerischen Bereich und dem Stil und Inhalt bei der Schilderung seines Privatlebens. Auf manche Belanglosigkeit hätte man da gern verzichtet, erst recht, wenn sie ins Indiskrete abgleitet. Daneben bleibt immer noch genug in diesem Leben, allein schon durch die vielfältige musikalische Laufbahn und seine Begegnungen mit großen Kollegen.

Eine Matthäuspassion unter Furtwängler fand er - trotz einiger Einwände - "überwältigend". Gielen hat dabei assistiert, wie auch bei Mitropoulos, Klemperer, Karajan und Erich Kleiber, dessen Sohn Carlos er Freund und Trauzeuge war. Offenbar wird immer wieder die Empfindsamkeit des Chronisten, auch seine Aufrichtigkeit (mit der er auch zu Misserfolgen steht), aber auch seine Bildung und Belesenheit.

Komponiert hat Gielen schon in jungen Jahren, gleich "atonal", seriell. 1951 stand er erstmals am Dirigentenpult, in Wien mit Honeggers "Johanna". Während seiner "Gesellenzeit" in Stockholm leitete er die Uraufführung von Zimmermanns "Soldaten" und eine Inszenierung von Strawinskys "Rake's Progress" mit Ingmar Bergman und dem Komponisten. In Frankfurt arbeitete er mit Berghaus, Neuenfels und Mussbach. Sein Streben nach Neuem ist frei von Effekthascherei. Er ist kein "Musikant", sondern ein Intellektueller am Pult.

Interessant sind seine musikalisch-technischen, auch didaktischen, aus der Praxis bezogenen Anmerkungen, konzentriert dann im zweiten Buchteil, der auch Beiträge über Franz Schreker, Bergs "Lulu" und Mahlers Dritte enthält. In seiner ebenfalls veröffentlichten "Frankfurter Abschiedsrede" steht ein Satz, der in gewisser Hinsicht auf das ganze Buch passen könnte: "Obwohl ich wusste, dass viele vieles nicht erfahren wollen, habe ich es mitgeteilt in der Hoffnung auf die Neugierigen."

Michael Gielen: "Unbedingt Musik. Erinnerungen". Insel Verlag, Frankfurt/ M., 366 Seiten; 19,80 Euro.

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