Die Hoffnung stirbt zuerst

- Die Hoffnung stirbt zuletzt. Für gewöhnlich besiegelt sie damit das Ende. Nicht bei Henning Mankell und den Einwanderer-Mädchen, über die er schreibt. Da steht das Sterben der Hoffnung am Anfang, macht Überleben möglich und Verrücktwerden vermeidbar. Tea-Bag, die vor metzelnden Soldaten aus Nigeria geflohene Frau, unterwirft sich täglich dieser Regel, ihrer bittersten Lebenserfahrung, die unter besseren Umständen eine Zen-Weisheit wäre: "Hauptsächlich kam es darauf an, nicht sofort von dem unbequemen Zeltbett aufzuspringen, in der falschen Hoffnung, gerade an diesem Tag würde etwas Entscheidendes geschehen."

<P>Schließlich vegetiert Tea-Bag in einem spanischen Flüchtlingslager vor sich hin und hat von Europa schon begriffen, dass sie sich als Asylsuchende den Zutritt in eine menschenwürdige Freiheit ergaunern muss. Es ist zu Beginn des Romans, dass die Nigerianerin jede Aussicht auf Veränderung, all ihre Erwartungen bekämpfen lernt, während noch über 300 Seiten von "Tea-Bag" vor dem Leser liegen und seine Erwartungen steigen, wohin der hierzulande als Krimi-Autor und Wallander-Erfinder bekannte Henning Mankell seine Protagonistin führen will.</P><P>So hoffnungslos der Anfang, so abrupt der Schnitt, den das zweite Kapitel macht, und so lächerlich die vorläufig zweite Hauptfigur des Romans: Jesper Humlin ist ein angesehener schwedischer Dichter, wenngleich er "nur" auflagenschwache Lyrik schreibt. Was sein Verleger ändern will: Einen Krimi soll Humlin abliefern, doch er hasst Krimis. Und der Erhalt seiner Bräune bewegt ihn viel mehr als sein Schaffen.</P><P>Zwischen Sozialkritik und Klamotte, der Schilderung von Flüchtlings-Schicksalen und der zärtlichen Überzeichnung eines eitlen Schöngeists laviert Mankell seinen Roman hindurch, ohne je den Sicherheitsabstand zur unreflektierten Anklage oder dem verleumdenden Witz zu verlieren. Und deshalb gerät sein Buch munter und ernsthaft, brutal und liebevoll, ja sogar immer hoffnungsvoll.</P><P>Tea-Bag - diesen ihrer vielen Namen hat sie zufällig bei einer Vernehmung gewählt - hat inzwischen nach Schweden gefunden. Und Humlin durch eine Lesung in die armen Vororte Göteborgs. Während eine junge, von der Familie gut bewachte Iranerin, eine russische Diebin und die geheimnisvolle Tea-Bag den mutlosen Humlin drängen, ihnen das Schreiben beizubringen, gerät ihm sein gewohnt sattes Leben außer Kontrolle: Alle überfordern ihn mit ihren Wünschen - die exzentrische Mutter, die kinderliebe Freundin, der zwielichtige Finanzberater und auch noch der alte Kumpel, der die Einwanderer managt.</P><P>Fast alle wollen sie Bücher schreiben, Krimis, und könnten vielleicht mehr Talent haben als er selbst. Und indem sich Humlin aus einer merkwürdigen Fluchtbewegung heraus immer mehr in die illegalen Angelegenheiten seiner Schützlinge verstrickt, wird er selbst zum Ausgestoßenen, zum Flüchtling in seinem eigenen Land. Freilich erleidet er keine vergleichbaren Grausamkeiten wie die Mädchen. Aber er ahnt allmählich, welch brutale Erfahrungen sie so unberechenbar und gleichzeitig auf ihre Weise frei und unabhängig gemacht haben.</P><P>Stück für Stück bekommt er ihre Lebensgeschichten erzählt. Da ist von einem Säure-Attentat auf das Gesicht einer Iranerin die Rede. Und kurz darauf ächzt der Stuhl unter dem Gewicht ihrer dicken Schwester, die die Geschichte erzählt hat und sich nun auf dem Schoß ihres Freunds niederlässt. Ein ganz unverstellter Blick und eine nüchterne Sprache ermöglichen Mankell, dass das Entsetzen und die Belustigung nebeneinander stehen können, ohne einander zu beschämen. Beschämen wird am Ende lediglich Dichter Humlin, weil er endlich durchgreifen und helfen will - und nur das Gegenteil erreicht. Natürlich lässt Mankell ihn keine Heldentat leisten. So einfach hat er es sich nicht gemacht.</P><P>Henning Mankell: "Tea-Bag". Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Paul Zsolnay Verlag, Wien. 380 Seiten, 24,90 Euro.<BR><BR></P>

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