Hoffnung in Zeiten des Gemetzels

- 25. September 1555: Jahrelange Kämpfe und Missstände, schließlich ein siebenmonatiges Ringen zwischen Vertretern Kaiser Karls V., Katholiken und Protestanten wurden in einem einmaligen Kompromiss beigelegt. Der Augsburger Reichstag verabschiedete ein Gesetz, das erstmals zwei verschiedene Glaubensrichtungen zuließ. Damit war im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ein Meilenstein für Toleranz gelegt worden, der Europa bis heute prägt. Was da vor 450 Jahren zur Sicherung des Friedens und des Reiches zugestanden wurde, beweist eine Weitsichtigkeit, die weltweit ein Beispiel suchte und teils immer noch sucht.

<P>Grund genug also, das Thema mit einer großen Ausstellung zur würdigen: Im Maximilianmuseum Augsburg schwärmt man von Zeiten, "Als Frieden möglich war", und erzeugt schon mit diesem ambivalenten Titel ein bisschen Nachdenklichkeit. Dass das schwierige Thema dann anschaulich und mit einem multimedialen Verweis aufs Heute dargestellt wird, ist einer glücklichen Auswahl und den 350 Exponaten sowie international berühmten Leihgaben zu verdanken.<BR><BR>"Cuius regio, eius religio - wessen Land dessen Religion": So lautete auf den Punkt gebracht die neue Freiheit der Fürsten und Territorialherren, über die Konfession ihrer Gebiete selbst entscheiden zu können. Die Bevölkerung konnte dementsprechend aus Glaubensgründen das Fürstentum wechseln. Der Erfolg dieser Regelung und des ersten Bürger-Grundrechtes war durchschlagend: Es herrschte Ruhe im Reich. Weil man eben nicht die eine, selig machende Religion erzwang, sondern den politischen Frieden über dieses Bestreben stellte. Dazu waren allerdings Herrscher wie Kaiser Ferdinand I. oder Maximilian II. nötig. Die Rüstung Kaiser Karls V. aus Madrid oder der Feldharnisch seines Bruders symbolisieren den steinigen Weg zum Frieden, der in Respekt gebietenden Schriften besiegelt wurde.<BR><BR>"Religionsfrieden ist keine geistliche, sondern eine politische und weltliche Angelegenheit."<BR>Pax Augustana</P><P>Allzu lange allerdings währte das Glück nicht: Schon die Fürstengeneration nach dem Friedensvertrag zog wieder für den eigenen Glauben ins Feld. Gleich im ersten Raum der Ausstellung werden die Konsequenzen gezeigt: Büsten der Protagonisten des Dreißigjährigen Krieges, darunter auch Berninis mächtige Porträts von Kardinal Richelieu und Papst Urban VIII., daneben in Grafiken Zerstörung und Tod. Erst danach, mit dem Westfälischen Frieden 1648, fand man endgültig zu einem neuen Miteinander und zu einer völkerrechtliche Einigung. Die Personifikation der Pax thront über dem Beschluss und der Erkenntnis: "Religionsfrieden ist keine geistliche, sondern eine politische und weltliche Angelegenheit."<BR><BR>In ganz Europa tobten im 16. und 17. Jahrhundert ähnliche Streitereien. "Die Bartholomäusnacht" von Franç¸ois Dubois, erstmals von Lausanne entliehen, zeigt detailreich die blutige Hinrichtung der Hugenotten in Frankreich 1572. Über zwanzig Jahre später sollte hier mit dem Edikt von Nantes Freiheit zugesichert werden - die Ludwig XIV. 1685 wieder aufhob. In Deutschland führte der Religionsstreit und insbesondere der -frieden zu einer klaren Ausformulierung der Konfessionen, die vor allem die Fürsten forderten. Mit Farblicht untermalt, mit den typischen "Accessoires" ausgestaltet, werden bei der Ausstellung meisterhaft die Grundrichtungen veranschaulicht und dann regional aufgegliedert. Weihrauchfass und Monstranz stehen für die römisch-katholischen Kirche in Bayern. Schlichtes Silber und das kecke Porträt Friedrich II. zeigen, wer in der Kurpfalz den Calvinismus hoffähig machte. Martin Luther und Philipp Melanchthon demonstrieren die Neuformulierung des Protestantismus vor allem in Württemberg.<BR><BR>Im Idealfall existierten sogar mehrere Glaubensrichtungen einträchtig nebeneinander: Die bikonfessionelle Stadt Augsburg erlebte eine bestens belegte künstlerische, politische und auch soziale Hoch-Zeit - auch wenn dieses heute unglaublich fortschrittliche Modell damals noch nicht von allen geschätzt wurde. Mittlerweile gemahnt dort jährlich ein Friedens-Feiertag an die historischen Schritte zur Toleranz.</P><P>Bis 16. Oktober, Katalog: 39,90 Euro. Veranstaltung: Tel. 0821/32 44 162, Internet: www.augsburger-religionsfrieden.de<BR></P>

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