Weg in die Hoffnungslosigkeit

- Bei allen Vorbehalten gegen den Schubladen-Begriff "Wiener Klassik": Unbestreitbar erblühte in den Jahren um 1800 in Wien der Musik eines ihrer goldensten Zeitalter. Dass aber zu dem Dreigestirn der Herren Mozart, Haydn und Beethoven mindestens ein vierter gehört, Franz Schubert, hat Alfred Brendel im Münchner Herkulessaal wieder verdeutlicht. Und dass Schubert bei aller Geistesverwandtschaft mit den dreien dennoch am Rande bleibt: Wie in so vielen seiner Werke scheinen auch im Fragment der C-Dur-Sonate D 840 Beethovens dialektisch überformter Sarkasmus und Mozarts Melancholie verlassen in Richtung einer Hoffnungslosigkeit, die keine Vorbilder hat. Unter Brendels Händen offenbart deren Kopfsatz, oft und zu Unrecht in die Kategorie "nicht so ganz gelungen" eingeordnet, sein verstörendes Potenzial.

<P>Brendel drängt Schuberts repetierte Akkorde derart eng aneinander, dass ihre Kraft nicht eine Sekunde nachlassen kann, ihre Expansion bald bedrohlich wird. Im zweiten Satz ebenso Erschreckendes, nun im Ton der Resignation: Wenn Brendel in der Wiederholung des c-moll-Themas das unerwartete Ausweichen nach C-Dur durch eine winzige Verzögerung markiert, stockt der Musik der Puls. </P><P>Drängend dichtes Spiel, das auch Triller und leichtes Passagenwerk, ja sogar das Verstummen mit innerer Energie auflädt, auch in einer Auswahl aus Beethovens Bagatellen und der luziden B-Dur-Sonate op. 22; Brendels subtile Pedaltechnik machte selbst die Stück-Schlüsse zu Ereignissen des Verklingens. Mozarts Klaviersonate a-moll hätte unter einem trockeneren, brüchigeren Zugriff wohl noch mehr von ihren Zerklüftungen offenbart - so vollzog sich ihre Katastrophe in einer Unerbittlichkeit, die trotz allen Getriebenseins federnd sublimiert wirkte.<BR><BR></P>

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