Der Hofnarr der Gesellschaft

München - "In Fragen der Kunst sind wir alle ziemlich empfindlich", sagt Alceste. Und da hat er ­ nicht nur auf dieses Stück bezogen ­ Recht. Denn will man über die aktuelle Premiere im Münchner Residenztheater schreiben ­ "Moli´¨res Misanthrop" in der sprachlich sehr modernen Fassung von Botho Strauß ­, sollte man sich nicht Alcestes unangenehme Angewohnheit zu eigen machen, jede kleine Schwäche zu einem Kardinalfehler aufzubauschen und zu verdammen.

Viele schöne Einzelszenen: "Molières Misanthrop" im Münchner Residenztheater

Im Vorfeld zwei Regisseurwechsel. Das belastet. Da tat Einspringer Hans-Joachim Ruckhäberle das vermutlich einzig Richtige: Alle Ideen, alles, was sein Vorgänger szenisch bereits angelegt hatte, wegzuräumen und den Molièreschen/Straußschen Gesellschaftsdisput ganz neu zu choreographieren. Ja, wie in einem Ballett arrangiert er seine Schauspieler: Gruppe, Solo, Pas de deux und so weiter. Da dreht ein jeder seine Pirouetten. Die Figuren im Stück wie auch ihre exzellenten Darsteller. Und es macht zwei Stunden lang Spaß, ihnen dabei zuzusehen.

Die Bühne hat Stefan Hageneier durch eine halbhohe schwarze Rückwand verkleinert. Davor zehn rote Stühle und ein weißes Sofa, auf dem ein Strauß roter Rosen liegt. Barockes Mobiliar. Dazwischen die Meute der Salonlöwen. Die Frauen wie aus der "Elle", sehr elegant in Schwarz und hohen Pumps. Die Männer angezogen wie Lackaffen: schwarzer Anzug, rotes, blaues, gelbes, grünes, oranges Hemd. Geckenhaft.

Aufs Klingelzeichen rauschen alle raschen Schritts auf die Bühne, im aufgeregten Gespräch. Alceste und sein Freund Philinte lösen sich aus der Gruppe und führen an der Rampe ihren Dialog weiter. Philinte, der Tolerante, mahnt zu Mäßigung und Kompromissbereitschaft. Der vielseitig begabte Mark-Alexander Solf spielt ihn nicht als den intellektuellen Freidenker, sondern als jungen, sich mit allen arrangierenden Mann.

Alceste aber reagiert schroff. Jens Harzer führt diesen Menschenfeind von Anfang an als einen Mann vor, der weniger an der Gesellschaft leidet, als sich an ihrer Falschheit weidet. Denn seinen Hass auf alles Verlogene kultiviert er eitel. Er weiß um seinen Unterhaltungswert. Er ist der Hofnarr dieser Gesellschaft. Vielleicht der Künstler, der sich auch ihrer bedient; denn offensichtlich hat ihn Molière als einen Schriftsteller gedacht. Harzer rudert mit den Armen, als wolle er sagen: Auf den Müll mit allen. Er rollt die Augen, klopft sich theatralisch kokett an die Brust und weiß gleichsam, wie albern das ist. Er beschimpft den Gegner, küsst ihm höhnisch die Hand, kriecht auf allen Vieren, lauscht hinter der Wand, wirft silbernes Konfetti über sich. Und als liebend Werbender um die junge, mit Männern und Gefühlen spielende Witwe Célimène ­ Marina Galic verleiht ihr herbe Coolness, Laszivität und eine gewisse Lustlosigkeit ­ strahlt er den verzweifelten Charme der bösartigen Ungeschicklichkeit aus. Er schreckt vor dem ersten Kuss zurück, aber er stellt ihr Gummistiefel hin, damit sie weiß, was sie erwartet im Zusammenleben mit ihm.

Und er schlägt sie mit einem Hieb gegen die Brust zu Boden, weil sie ihr Umfeld nicht verlassen will. Er greift sich grob die junge Éliante (an den Rand gedrängt: Anne Schäfer) und spuckt vor der reifen, um ihn buhlenden Arsinoé aus. Kraftvoll und viel zu hübsch anzusehen in dieser Rolle: Juliane Köhler. Die Szene, in der sich Célimène und sie anfauchen wie zwei Raubkatzen und die Jüngere der Älteren bös-ironisch die welkenden Finger küsst, ist einer von vielen sehr gelungenen Momenten der Aufführung.

Und kennzeichnet gleichzeitig das Manko dieser Inszenierung: Sie zerfällt in lauter schöne Einzelbilder. Es fehlt der große Bogen. Was daran liegen mag, dass Jens Harzer als Alceste nur eine Seite dieses widerborstigen Charakters abverlangt wird: die lächerliche, eitle, nörgelnde. Sein Alceste ist vor allem ein Spieler, der selbst noch, als er am Ende alles verloren hat und die Gesellschaft verlässt, Sieger bleibt. Die Regie schickt ihn nicht allein von der Szene, sondern mit Gefolge.

Was wäre auch diese Schickeria ohne so seltsame Vögel wie Alceste? Doch was wäre aus dieser Aufführung geworden, wenn sie ihm neben der zynisch-komischen Seite auch die tragische Dimension zugestanden hätte! Sollte das aber beabsichtigt gewesen sein, dann ist sie in Harzers Manierismen, in die sich der Schauspieler hier immer wieder flüchtet, untergegangen.

Nächste Vorstellungen: 28., 30. 4. und 9., 10. 5.

Sabine Dultz

Die Besetzung

Regie: Hans-Joachim Ruckhäberle. Bühne: Stefan Hageneier. Kostüme: Violaine Thel. Darsteller: Jens Harzer (Alceste), Marina Galic (Célimène), Juliane Köhler (Arsinoé), Anne Schäfer (Éliante), Matthias Lier (Marquis Acaste), Thomas Loibl (Oronte), Dirk Ossig (Marquis Clitandre), Mark-Alexander Solf (Philinte), Fred Stillkrauth (Diener Du Bois).

Die Handlung

Alcestes Motto: Aufrichtigkeit. Der Mann der sogenannten besseren Gesellschaft reicher Nichtstuer verachtet seine Mitmenschen wegen ihrer Verlogenheit. Er selbst sagt jedem die Wahrheit ins Gesicht. Auch Célimène, die er liebt, obwohl sie sich mit Verehrern umgibt und ihr Lebenswandel seinen strengen Prinzipien widerspricht.

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