Hohe Meinung vom Publikum

- Erfolgs-Bilanz: Jürgen Flimm über seine erste Saison als Festspiel-Intendant und über seine Pläne

"Sie sehen, wie emanzipiert wir sind", sagte Salzburgs erste Dame. "Eine Frau ist Festspielpräsidentin, und ein Mann weint." Denn als er gestern Bilanz zog und vor allem an Daniel Barenboims West-Eastern-Divan-Orchester erinnerte, übermannte Jürgen Flimm die Rührung.

In diesen Tagen beendet er seine erste Saison als Intendant der Festspiele. Abgesehen vom Mozart-Jahr 2006 blickt Salzburg auf das beste Einspielergebnis seiner Geschichte zurück. Die Platzausnutzung lag mit 94 Prozent auf Rekordniveau.

Auf Ihrer Bilanz-Pressekonferenz haben Sie angedeutet, dass um einzelne Programmpunkte gerungen wurde. Ihre erste Saison war offenbar nicht nur eitel Sonnenschein.

War's auch am Anfang nicht. Um meine Wahl gab es schließlich große Verwerfungen. Die Unkenrufer hatten sich schon in Stellung gebracht - und jetzt ist es doch ein so großer Erfolg geworden mit einem tollen, neugierigen Publikum. Von daher ist bei mir persönlich eine gewisse Entspannung eingetreten.

Wie notwendig ist es, das Starwesen zu bedienen, sich womöglich sogar abhängig zu machen?

Das ist ja nicht eingetreten. Die Plattenfirmen sind wesentlich weniger mächtig als früher. Und die prominenten Absagen von Anna Netrebko und Rolando Villazón haben uns nicht geschadet, die Einspringer Christine Schäfer und Andreas Scholl sangen doch überirdisch schön. Anna ist eine wunderbare Frau, mit der sich hervorragend zusammenarbeiten lässt, trotzdem ärgerten wir uns natürlich. Mit dem Manager habe ich mittlerweile mehrfach geredet. Dass sie 2008 in "Romeo et Juliette" dabei sein wird, steht nach wie vor. Und wir haben die Hoffnung, dass Rolando bis dahin wieder ganz gesund wird.

Was geht hier in Salzburg nicht?

Das weiß ich nicht. Nach dem wilden Jan-Fabre-Projekt gestern Abend bin ich total überrascht. Ich dachte, es würde auf mehr Widerstand stoßen, es sind aber nur 20 Leute gegangen. Eine normale Quote. Das hat mich sehr ermutigt.

Haben Sie in Salzburg folglich ein ganz anderes Publikum vorgefunden, als Sie es erwartet hatten?

Ich habe eine hohe Meinung vom Publikum. Ich habe etwas dagegen, dass man die Leute für blöd hält. Meine Erfahrung als langjähriger Theaterdirektor ist: Das, was wir uns selber zumuten, können wir auch dem Publikum zumuten.

Aber eine gewisse Grundrezeptur müssen Sie doch bieten. Mindestens zwei Premieren mit den Wiener Philharmonikern...

Das machen wir ja auch gern. An Mozart bin ich selber interessiert, Richard Strauss kommt noch. Folglich muss ich mich nicht verdrehen und verklemmen. Claus Guths "Figaro" ruft nach Fortsetzung, deshalb inszeniert er 2008 "Don Giovanni" und wird auch für "Così fan tutte" engagiert, außerdem kommt der "Figaro" wieder.

Der zu häufige Einsatz der Wiener Philharmoniker kann aber auch zum Problem werden. Mancher Abend war dürftig. Es gab Zeiten, in denen mehr auswärtige Orchester engagiert wurden, die auch dementsprechend viel Probenzeit mitbrachten.

Wir haben halt einen Vertrag. Mit den Wienern sind drei bis vier Opern ausgemacht, da ist immer noch Platz für Gastensembles. Franz Welser-Möst leitet 2008 das Cleveland Orchestra. Und das Mozarteum-Orchester ist quasi unser zweites Festival-Ensemble geworden. Den Wienern ist das gar nicht so unangenehm.

"Nachtseite der Vernunft": Warum benötigen Sie unbedingt ein Festspiel-Motto?

Aus zweierlei Gründen. Zum einen dient das der Disziplinierung. Wenn man sich selber 'ne Überschrift macht, denkt man anders über die einzelnen Programmpunkte nach. Und zum zweiten kann sich das Publikum an diesem Leitmotiv orientieren. Es darf allerdings nicht zum Korsett werden.

Riccardo Muti soll in den nächsten Jahren eine größere Rolle spielen.

Gottlob ist der nicht mehr an der Scala. Er wird die Pfingstfestspiele weiter betreuen. Ich hatte ihn vorsichtig gefragt, und siehe da: Die Blume ging auf. Im Sommer wird er außerdem jedes Jahr eine Opernproduktion dirigieren.

Nikolaus Harnoncourt wollten Sie notfalls mit der Rikscha zu Hause abholen. Wann kommt er als Operndirigent zurück?

Ich fahre immer mit der Rikscha hin, aber er ist noch nicht eingestiegen. Er muss eben aufpassen auf seine Gesundheit. Opernproduktionen sind für einen 78-Jährigen anstrengend. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

An was soll man sich denn am Ende Ihrer Intendanz zurückerinnern?

Es sind ja noch ein paar Jahre hin. Das Wort Vision vermeide ich, da spreche ich lieber von Absicht. Ich möchte einfach dem Zeitgenössischen größere Aufmerksamkeit verschaffen. Da habe ich in Konzertchef Markus Hinterhäuser einen idealen Partner. Ich fand dieses Scelsi-Projekt außerordentlich gelungen. Das Schauspiel hat's besser, Neues wird da eher aufgenommen.

Also den Zuhörern ab und zu etwas unterjubeln?

Das geht nicht. Man muss solches behaupten und einfach anbieten. Siehe etwa die enorm guten Besucherzahlen bei den Scelsi-Konzerten in der Kollegienkirche.

Aber ist das wirklich der "Kernbereich" der Festspiel-Besucher?

Ist doch egal, es sind Besucher. Ich klassifiziere nicht. Die Leute verstehen mehr von Musik und Theater, als man so glaubt. Und sie bekommen sofort mit, wenn etwas nicht so glänzend ist.

Und was glänzte heuer nicht?

Das sage ich Ihnen nicht (lacht). Es war sicher nicht alles Gold. Aber dafür gibt es Nachbereitungssitzungen.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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