Wir holen den Film ins Theater

Metropol-Theater: - Jochen Schölch ist offenbar ein Mensch, dem die Dinge niemals über den Kopf wachsen. Der Prinzipal des Münchner Metropol-Theaters und Schauspielchef der Bayerischen Theaterakademie scheint es zu lieben, sich auf mehreren Baustellen gleichzeitig zu tummeln, jedoch eher im metaphorischen Sinn.

Auf die Baustelle, in die sich vor einigen Wochen der Küchenbereich des Metropol infolge eines Wasserrohrbruchs verwandelte, hätte der 41-Jährige verzichten können. Inmitten von Werkzeugen und Scheinwerfern, zwischen Beleuchtungseinrichtung und Hauptprobe verabschiedet er seinen kleinen Sohn und bittet gelassen zum Gespräch über "Dogville", seine neue Inszenierung.

"Das ist schließlich wichtig", sagt der Leiter der derzeit erfolgreichsten Münchner freien Bühne. Heute um 20 Uhr hat in dem ehemaligen Kinosaal das gleichnamige Stück Premiere, das auf Lars von Triers Film (2003) beruht: Eine junge Frau versteckt sich vor Verfolgern im Dorf Dogville in den Rocky Mountains. Mit Dienstleistungen bedankt sie sich bei den Bewohnern. Sie beginnen die polizeilich Gesuchte auszubeuten, quälen und vergewaltigen sie. Mit Hilfe ihres Vaters, eines Mafiabosses, rächt sie sich.

Wieder einmal setzt Schölch die Linie seines Hauses fort, Filme auf die Bühne zu bringen: "Meine Intention ist, große Geschichten zu inszenieren. Die mythologische Heldenreise, das, was das Theater besonders gut kann, wird nur noch fürs Kino geschrieben. Zeitgenössische Autoren interessieren sich eher für eine spezielle Problematik. Nebenbei bearbeiten wir im Metropol öfter Romane als Filme", meint Schölch.

Entspannt stellt er sich dem Verdacht, es den Großen bequem nachzutun: "Es ist die Frage, wovon man fasziniert ist, von Form oder Inhalt. Bei mir ist es der Inhalt. Unser Abend wird nicht aussehen wie der Film." Wie Religion in den Bereich des Politischen übergehe, wie sich Altes und Neues Testament, der Gott der Rache und der der Liebe zueinander verhalten und dies in Parabelform gebracht ist, reizt Schölch.

Die Frage der Form aber stellt sich bei "Dogville" in besonderer Weise: Von Trier drehte mit theaterhaften Mitteln, auf einer Studiobühne, Kreidestriche bezeichnen die Häuser des Dorfes. "Er hat das Theater in Brecht‘scher Ästhetik in den Film geholt. Die stilisierte Spielweise ist dem Theater ureigen, wir bringen sie wieder mit dem Stück zusammen. Und holen den Film ins Theater. Aber nicht etwa mit Projektionen."

Den Einwand, die reizvolle Reibung zwischen Film- und Theaterästhetik gehe dann bei "Dogville" verloren, lässt Schölch nicht gelten: "Unsere Bühne ist spärlich und einfach. Realismus - etwa mit einem Auto - kann und will ich nicht machen, sondern muss ihn mit anderen Mitteln erzeugen. Daraus entsteht eine andere Reibung."

Vielleicht aber auch dadurch, dass er die Rollen mit dem zweiten Jahrgang der Theaterakademie besetzt hat, "mit Anfang-20-Jährigen, die die Dorfgesellschaft von Jung bis Alt spielen". Hat für ein freies Theater die Werbewirkung des Filmtitels eine Bedeutung? "Ich würde ,Dogville’ auch bringen, wenn ich Intendant in Nürnberg wäre." Den vielen Angeboten zur Führung großer Häuser, der Verführung, sich auf eine Sache zu konzentrieren, widerstand er bislang. "Der Traum ist dieses Theater hier. Ich habe damit noch einiges vor." Gerade ist Schölch wieder einmal dafür ausgezeichnet worden: Er erhält den Schwabinger Kunstpreis.

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