+
Ein Kampf ums Überleben: Sophie von Kessel als TV-Journalistin, die dem Diktator Satur Diman Cha (John Malkovich) ausgeliefert ist. 

München-Gastspiel „Just call me God“

Herrn Malkovich bitte nicht stören

  • schließen

München - Hollywood zu Gast an der Isar: John Malkovich war am Wochenende zwei Abende in der Musikhochschule in „Just call me God“ auf der Bühne zu erleben. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Dieses Stück hat eigentlich nur eine Existenzberechtigung: „Just call me God“ ist die Plattform, auf der John Malkovich sein Können demonstriert. Genau das tat der US-Schauspieler am Wochenende in München, als die Auftragsarbeit der Hamburger Elbphilharmonie für zwei – natürlich ausverkaufte – Abende in der Musikhochschule gastierte. Eingeladen hatte zwar das Residenztheater, gespielt wurde dort jedoch nicht, weil außer Malkovich vor allem eine Orgel gebraucht wird.

Eine Dramaturgie wie aus dem Baukasten

Die Geschichte des 90 Minuten langen Abends ist wirklich rasch erzählt: Die Weltgemeinschaft will den Diktator Satur Diman Cha beseitigen. Soldaten stürmen einen bislang geheimen Palast des Herrschers der fiktiven Republik Circassia. Als sie sich in Sicherheit wähnen, tötet sie der Tyrann, der als Putzfrau verkleidet auf Rettung hofft. Lediglich eine TV-Journalistin (Sophie von Kessel vom Residenztheater) und ein Armeepfarrer (Martin Haselböck), die das Sonderkommando begleitet haben, überleben den Hinterhalt. Fortan zwingt der machtlose Machthaber den Geistlichen, die Orgel zu spielen, während sich zwischen ihm und der Journalistin ein Gespräch über Macht und Manipulation, übers Töten und Täuschen, über Sex und Sendungsbewusstsein entspinnt.

Das alles ist so erwartbar aus dem Dramaturgie-Baukasten zusammengeklaubt wie die Lichtregie des Abends: Wenn der Bösewicht donnert und grollt, wird es dunkelblau düster auf der Bühne, wenn er der Reporterin charmant Avancen macht, schiebt sich rote Folie vor die Scheinwerfer.

Regisseur Sturminger inszeniert den „Jedermann“ für die Salzburger Festspiele

Michael Sturminger ist der Mann hinter „Just call me God“. Der österreichische Autor und Regisseur hat in München zuletzt fürs Gärtnerplatztheater „La sonnambula“ inszeniert. „Genau hat Sturminger gearbeitet, klar erzählend, handwerklich geschickt, werkdienlich. Zuweilen hat er auch stereotypes Gestenrepertoire gestattet, ein bisschen viel Humor zugelassen und Opas Oper beschworen“, urteilte unser Kritiker nach der Premiere. Im Sommer wird Sturminger den „Jedermann“ für die Salzburger Festspiele neu einrichten. Dort übernimmt dann erstmals Tobias Moretti die Titelrolle, der am Samstag bei „Just call me God“ im Publikum saß.

Die Produktion ist die dritte Zusammenarbeit von Sturminger, Organist Haselböck (der Eigenkompositionen ebenso intoniert wie Bach und Wagner) und Malkovich. Wenn hier Regie stattgefunden hat, beschränkte sie sich darauf, den 63-Jährigen einfach mal machen zu lassen. Schließlich schadet es nie, einem Könner bei der Arbeit zuzuschauen: Malkovich, dessen Filmografie sich so abwechslungsreich liest, wie es die Orden sind, die dem von ihm gespielten Diktator an der Brust blinken, droht und dröhnt, gockelt und giert, flirtet und flucht, lügt und lärmt, wispert und wütet. Seine Virtuosität lässt tatsächlich für 90 Minuten vergessen, wie holzschnittartig dieses Stück letztlich ist. 

Lesen Sie hier unser Interview mit John Malkovich über die Ohnmacht des Theaters und die Politik.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare