Zum Tod der Hollywoodlegende Kirk Douglas (1916-2020)

Kirk Douglas – Hollywoods letzter Titan

Er war der letzte Vertreter aus Hollywoods Goldener Ära. Nun ist der Schauspieler Kirk Douglas im Alter von 103 Jahren gestorben. Unser Nachruf. 

Der Titan ist also doch sterblich. Kirk Douglas, letzter Vertreter des Göttergeschlechts aus Hollywoods Goldener Ära, hat sich im biblischen Alter von 103 Jahren nun tatsächlich davon gemacht und uns alleine zurückgelassen. Mit Douglas ist ein Star gestorben, wie es sie heute nicht mehr gibt und auch nicht mehr geben kann. Eine überlebensgroße, mythische Figur, der es gelungen ist, über Jahrzehnte in epischen Dramen präsent zu bleiben und das kollektive Gedächtnis des Publikums zu prägen.

Kirk Douglas wurde in eine bettelarme russisch-jüdische Familie geboren

Er hat sich das hart erarbeitet, dem Mann ist nichts zugefallen. In eine bettelarme Familie von russisch-jüdischen Immigranten als Issur Danielovitch im US-Bundesstaat New York geboren, ist seine Jugend von Perspektivlosigkeit geprägt: Der Vater ist ein herrischer Schweiger, die Mutter hilflos und vor allem bemüht, den Sohn und die sechs Töchter durchzubringen – im Haushalt Danielovitch ist Essen immer ein Thema. Erst als 15-Jähriger hat Issur eine Art Erweckungserlebnis, und das in zweifacher Hinsicht: Seine Englischlehrerin verführt ihn und weiht ihn in die Geheimnisse fleischlicher Wonnen ein. „Aus heutiger Sicht zweifellos illegal“, erinnert sich Douglas später. Aber er ist dankbar dafür, denn Mrs. Livingston, so hieß die Dame, wie Douglas später enthüllt, eröffnet ihm auch die Welt der Literatur und Poesie. Der junge Issur wird ein fanatischer Leser und entdeckt die Welt für sich neu. Daher sein eher abseitiger Wunsch, Schauspieler zu werden. Seine athletische Erscheinung und sein Talent fürs Ringen ebnen ihm den Weg zu höherer Bildung: Mit einem Stipendium ausgestattet kann er studieren und sich auf Bühnen ausprobieren.

Kirk Douglas in „Spartacus“ (mit Jean Simmons)

Douglas spielte seine erste Hauptrolle in „Die seltsame Liebe der Martha Ivers“

Nach dem Militärdienst im Zweiten Weltkrieg nimmt er den Namen Kirk Douglas an – wenn er Karriere machen wolle, wird ihm bedeutet, sei sein Geburtsname keine Hilfe. Douglas kommt an, nicht etwa weil er ein Virtuose wäre, sondern weil er Präsenz hat und eine dynamische Ausstrahlung. Sein Äußeres und sein kraftvolles Agieren bringen ihm 1946 als völlig Unbekanntem gleich beim ersten Filmauftritt eine Hauptrolle: In „Die seltsame Liebe der Martha Ivers“ spielt er einen zwielichtigen Charakter, später wird Douglas behaupten, dass er der erste Antiheld Hollywoods war. Sein Timing ist exzellent, in den düsteren Nachkriegsjahren ist auch im Kino die Zeit strahlender Figuren und einfacher Geschichten vorbei. Vielschichtige, ambivalente Charaktere sind nun Protagonisten in der „schwarzen Serie“ Hollywoods. Undurchsichtige Typen, die mitunter schmerzfrei ihren Weg gehen, werden Douglas’ Spezialität. Privat walzt er manchmal genauso rücksichtslos durchs Leben wie seine Filmfiguren. Er ist oft arrogant, anmaßend und ein notorischer Frauenheld, dem es selten gelingt, an einer Dame vorbeizugehen, ohne sie anzuquatschen.

„Spartacus“ war sein bekanntester Film – „Wege zum Ruhm“ wohl sein bester

Viel später hat er das bereut: seine Härte, seinen unsensiblen Umgang mit Menschen, seinen Egoismus. „Ich mag den jungen Kirk Douglas nicht besonders“, schreibt er in seinen letzten Memoiren „Let’s face it“. Da ist er 90, hat einen Hubschrauberabsturz und schwere Schlaganfälle hinter sich und längst beschlossen, den Rest seines Lebens zu versuchen, ein besserer Mensch zu werden. Mithilfe des Glaubens – er besinnt sich spät auf seine jüdischen Wurzeln – und seiner deutschen Frau Anne gelingt ihm das.

Es ist vielleicht die größte Leistung von Kirk Douglas, ungeachtet zahlloser Filmklassiker, des Ehren-Oscars und weltweiten Ruhms: dass er mit sich und der Welt ins Reine gekommen ist. Er wollte nicht so verbittert abtreten wie sein Lieblings-Filmpartner Burt Lancaster, der wie Douglas ein ziemliches Aas sein konnte. Andererseits: Vermutlich hätte Douglas nicht erreicht, was er erreicht hat, wenn er immer so abgeklärt und nett gewesen wäre wie im Alter.

Die Familie: Kirk Douglas mit Sohn Michael (re.) und Enkel Cameron. 

Mit dem Furor eines Aufsteigers, der seine Chance wittert, bahnt sich der junge Douglas den Weg nach ganz oben und ist sehr bald nicht mehr nur an Geld und Erfolg interessiert, sondern an Macht: Er will selbst entscheiden, in welchen Filmen er auftritt, damals ist man als Schauspieler völlig den Studios ausgeliefert. Also wird Douglas der erste große unabhängige Filmproduzent Hollywoods, der auch schnell unbequem wird. 1957 produziert er zum Beispiel den gnadenlosen Anti-Kriegsfilm „Wege zum Ruhm“, obwohl ihm klar ist, dass er kein Geld einspielen wird. Es wird seine vielleicht beste Arbeit. 1960 heuert er für „Spartacus“ trotz vieler Anfeindungen den Autor Dalton Trumbo an, der wegen vermeintlich „unamerikanischer Umtriebe“ auf Hollywoods „Schwarzer Liste“ steht. Douglas ist das egal, wie ihm auch sonst vieles egal ist, solange es ihm gefällt. Das ist für seine Umgebung nicht immer spaßig, die eigenen Kinder eingeschlossen. Er verkracht sich bis aufs Blut mit seinem Sohn, weil der die Hauptrolle in „Einer flog über das Kuckucksnest“ Jack Nicholson und nicht seinem Vater gibt. Er sei zu alt für den Part, erklärt ihm Michael. Doch Kirk will das nicht einsehen – er hatte mit der Theaterfassung am Broadway großen Erfolg. Es dauert lange, bis die beiden das Kriegsbeil begraben.

Auch sonst kittet Douglas später, was zu kitten ist, und verzweifelt manchmal fast an der Welt. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina betrübt ihn zutiefst, die Missachtung gegenüber Afroamerikanern in seiner Heimat USA ebenfalls. Aber Douglas bleibt bis zum Ende Optimist und verliert nie seinen Humor oder den eisernen Willen. Im hohen Alter lernt er nach den Schlaganfällen wieder das Sprechen – so diszipliniert, wie er sich früher Deutsch und Französisch angeeignet hat. Er trainiert auch in seinem Alter jeden Tag ein bisschen, schreibt Bücher, lernt Gedichte auswendig und beschließt vor seinem 100. Geburtstag, sein gesamtes Vermögen – immerhin rund 80 Millionen Dollar – für wohltätige Zwecke zu stiften.

Nun ist dieser erstaunliche Mann, der bis ins hohe Alter eine außergewöhnliche Erscheinung geblieben ist, gestorben und mit ihm quasi das 20. Jahrhundert. Solche Männer gibt es nicht mehr – und man würde sie doch gerade jetzt brauchen.

Zoran Gojic

Rubriklistenbild: © dpa / Wally Fong

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